Hurrikan-Opfer : Die Trümmerfrau

"Es war eine Schweinearbeit", sagt Gayle Williams: Vor zwei Jahren verwüstete Hurrikan "Katrina" ihr Haus in New Orleans – erst jetzt kann sie wieder drin wohnen.

Christoph von Marschall

Die Plastikfolie hat sie noch nicht entfernt von der weißen Polstergarnitur – „wegen meiner Enkelin“, sagt sie entschuldigend und zeigt lächelnd auf das gerahmte Bild auf der Eckkommode: eines kleinen Mädchens im rosa Ballettröckchen. „Jalil hat überall ihre Finger, wer weiß, was sie vorher angefasst hat.“ Langsam bewegt sich Gayle Williams durch ihre Wohnung. Als müsse sie es auskosten, dass sie wieder ein richtiges Zuhause hat.

Vor zwei Jahren, am 29. August 2005, war Hurrikan „Katrina“ über New Orleans und das Haus der Busunternehmerin gefegt. Der Schaden am Dach war das geringste Problem – so gering, dass die Sturmversicherung erst gar nicht zahlen wollte. Hier in Lakeview, einem Viertel der unteren Mittelschicht, acht Kilometer nördlich vom French Quarter, kam die Gefahr, als mehrere Deiche brachen. Auch der vom London Street Canal, der drei Blocks hinter ihrem Haus den Lake Pontchartrain mit dem Mississippi verbindet. Das Wasser kam mitten in der Nacht in den Charlotte Drive und stieg „bis kurz unter die Decke des Erdgeschosses“. Gayle Williams, 59, eine stämmige Schwarze, reckt sich und zeigt die Stelle. Doch was heißt hier Wasser: Eine stinkende Brühe aus Öl, Fäkalien, Industrieabfällen und Giftstoffen stand wochenlang zwischen den Wänden.

„Aber jetzt gehen wir erst mal in die Küche, Kaffee kochen“, sagt sie und hält auf dem Weg dorthin an jeder Flurecke, an jeder Tür inne, zu jedem Detail gibt es eine Geschichte zu erzählen. Und jede davon ist Teil des Wieder-Besitz-Ergreifens. „Hier, meine kleine Kunstsammlung.“ Gayle Williams zeigt einen ramponierten Schwarz-Weiß-Druck von Rosa Parks, der schwarzen Bürgerrechtsikone, die sich 1955 in Montgomery, Alabama, geweigert hatte, ihren Sitzplatz im Bus einem Weißen abzutreten. „Das hier muss ich auch aufarbeiten lassen.“ Sie hält das Bild einer schwarzen Taufgesellschaft vor einer weiß gestrichenen Südstaatenkirche hoch; die giftige Brühe hat die Farbe des Holzrahmens weggeätzt. „Nur meinen Martin Luther King habe ich noch nicht wiedergefunden.“

Acht Wochen wohnt sie nun wieder daheim – nach 22 Monaten Provisorium, 22 Monaten des Pendelns zwischen verschiedenen Notquartieren. Im Februar 2006 war, was heute ihr neues Haus ist, weniger als ein Rohbau. Die Außenwände standen noch, und das nur leicht beschädigte Dach schützte. Drinnen aber wirkte alles wüst und leer. Die vom Schmutzwasser ruinierte Einrichtung war bereits weggeräumt. Holzgebälk zeigte an, wo einmal Wände standen. Eisenträger verhinderten den Einsturz.

Damals war Gayle Williams voller Wut, haderte mit der Stadtverwaltung, den Versicherungen, der Katastrophenschutzbehörde Fema. Auch ohne diesen Ärger hatte sie viel zu tun, um ihr Busunternehmen wieder in Gang zu bringen.

Jetzt wirkt sie wie verwandelt, als habe die Heimkehr die schweren Erlebnisse in ein mildes Licht getaucht. „Ist der Steinfußboden wiederzuerkennen?!“, fragt sie in der Küche, während sie das Kaffeewasser aufsetzt. „Haben wir doch noch hingekriegt. War eine Schweinearbeit, all die Flecken.“ Auch die rosa Kacheln im Bad habe sie retten können.

Gayle Williams war nicht zu Hause, als „Katrina“ zuschlug. Ihre Busse wurden zur Evakuierung der Stadt eingesetzt, sie chauffierte im Auftrag der Dillard-Universität, einer schwarzen Hochschule, Studenten ins fünf Stunden entfernte Shreveport, Nord-Louisiana. Ihr Sohn Thomas, damals 25, hatte sich durch die geborstene Verandatür ins Freie retten können. Als er sich per Handy vom Dach des Hauses meldete, dachte sie erst, er wolle sie verulken. Doch dann wuchs die Angst um ihn, sie alarmierte das Rote Kreuz. Drei Tage und vier Nächte dauerte es, bis er gerettet wurde.

In Shreveport fand auch Gayle ihr erstes Notquartier, ein Hotelzimmer. Es wurde zum Sammelplatz der erweiterten Familie: ihre Tochter und die Enkelin, die 80-jährige Mutter, zwei Brüder mit Frauen, Kindern, Enkeln, eine Nichte, dazu Freunde. „Einen Monat haben wir mit 16 Leuten dort gelebt, dann bekamen wir einen zweiten Raum.“ Vom ersten Nothilfegeld der Behörden hat sie Luftmatratzen gekauft, eine Mikrowelle, einen Tischgrill und einen Reiskocher. Die Geräte stehen jetzt auf einem Metallregal in der Küche wie auf einem kleinen Altar.

Gayle Williams hat sich von der Katastrophe nicht unterkriegen lassen, hat Familie und Geld zusammengehalten, sich aufgerappelt. Sie ist das Kämpfen gewöhnt. Drei Kinder hat sie ohne Mann groß gezogen. 1976 hat sie eine Kinderbetreuung gegründet, 1985 das Busunternehmen, das rasch wuchs: Sport-Teams, schwarze Kirchengemeinden und Universitäten buchten bei ihr, dazu der Verein für ausländische Besucher – weiße Oberschicht, die treu zu ihr hält. Zu den Kleinbussen kamen bald große Reisebusse, fünf waren es vor „Katrina“.

Ihre älteste Tochter, Persifphone, 37, lebt in Texas, fährt mit ihrem Mann Lkw. Sohn Thomas hat eine kleine Melanie, zehn Monate alt, die lebt mit der Mutter in einem anderen Stadtteil von New Orleans – und Gayle fragt erst gar nicht, warum er hier bei ihr wohnt. Jonquile, mit 24 die jüngste und Mutter der sechsjährigen Jalil, arbeitet in der Apotheke von WalMart. Damit sie diesen Job nicht verliert, bekam Jonquiles Zuhause Priorität beim Wiederaufbau. Entschied Gayle.

Mexikaner hat sie dafür angeheuert – auf die lässt sie nichts kommen. „Gute Arbeiter“ seien das, für 100 Dollar pro Kopf und Tag. „Ohne die sähe es in ganz New Orleans noch heute wie in der Dritten Welt aus.“ Von morgens früh bis spät abends hätten die geschuftet, ohne zu klagen. In den Wintermonaten war es kalt, trotz der zwei Propangas-Heizstrahler, die sie besorgt hat. Und im Sommer drückend schwül, ohne Klimaanlage.

Ans Stromnetz wurde sie erst am Schluss angeschlossen, nach der technischen Abnahme durch die Baubehörde. „Wir haben uns gegenseitig etwas beigebracht, ich konnte kein Spanisch und die kein Englisch.“ Mit Zeichensprache haben sie sich verständigt, was zu tun sei, welches Baumaterial gebraucht werde. Sie hat mit angepackt, hat Verkleidungen, Türen und Bretter aus Shreveport herangeschafft, wo sie halb so viel kosteten wie in New Orleans nach „Katrina“.

180 000 Dollar lautete der Kostenvoranschlag für die Instandsetzung des Hauses. Sie ist mit 145 000 hingekommen – und da ist das neue Obergeschoss mit drin, wo sie sich ein Schlafzimmer mit Bad eingerichtet hat und mit einem Balkon. 90 000 Dollar hat die Flutversicherung gezahlt, 15 000 Dollar doch noch die Sturmversicherung, nach der Intervention eines befreundeten Experten. Den Rest hat sie sich abgespart.

Ihre Busse liefen gleich nach dem Hurrikan wieder. Die Katastrophenschutzbehörde Fema requirierte alles Fahrbare samt Fahrern, stellte Unterkunft, Verpflegung und Treibstoff. Gezahlt habe Fema auch. Zwei der fünf Busse seien kaputt, woran nicht Wind oder Wasser schuld waren – die Busse standen auf einem erhöhten Grundstück in Gentilly – sondern „Vandalismus“, wie sie sagt. Menschen, die den Evakuierungsbefehl missachtet hatten und den Hurrikan „ausreiten“ wollten, hatten wohl, als die Fluten stiegen, Angst bekommen, sahen die Busse und wollten sie kurzschließen. „Aber mit Dieselmotoren geht das nicht so einfach.“ Aus Frust hätten sie die dann demoliert.

Zwei Jahre nach „Katrina“ im renovierten Haus, damit ist Gayle weit vorn. Vor „Katrina“ lebten 455 000 Menschen in New Orleans, heute sind es 262 000. Nur jedes siebte bis zehnte Haus in Lakeview sieht so aus, als wohne dort jemand oder arbeite zumindest an der Rückkehr. Leere Grundstücke klaffen dort, wo abgerissen wurde. Darüber will Gayle Williams nicht reden. Sie schaut lieber auf die Erfolgsgeschichten. Wie die Nachbarn gegenüber oder die katholische Holy-Cross-Schule drei Ecken weiter, die aus der total zerstörten Ninth Ward herübergezogen sei – eine der besten Schulen der Stadt, weshalb ihr Viertel erst recht an Anziehungskraft gewinne.

Ganz folgenlos ist der Hurrikan aber nicht an Gayle Williams und ihrer Familie vorübergegangen, das rutscht irgendwann doch raus. Ihre älteste Schwester erlitt einen Nervenzusammenbruch, die Ehe ging kaputt, sie braucht jetzt Betreuung. Auch das übernahm Gayle. Bis sie sich vor einem Monat selbst schlecht fühlte und ins Krankenhaus ging. An Hausärzten herrscht Mangel in New Orleans seit „Katrina“. Eine „stressbedingte Atemweginfektion“ wurde diagnostiziert. Vor wenigen Tagen kam die Rechnung: 9000 Dollar, die keine Versicherung übernimmt. Bodenfliesen kann man schrubben, ruiniertes Mobiliar ersetzen. Seele und Gesundheit lassen sich so leicht nicht reparieren.

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