Hurrikan "Sandy" : Haiti, Land ohne Hoffnung

Alle Welt blickt auf New York – dabei hat "Sandy" in der Karibik viel größere Zerstörungen verursacht. In Haiti und auf Kuba wurden Ernten zerstört, der Bevölkerung droht Hunger.

Tobias Käufer
Dieses Kind hat sich mit Cholera infiziert. Es wird in einem Feldlazarett der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ betreut.
Dieses Kind hat sich mit Cholera infiziert. Es wird in einem Feldlazarett der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ betreut.Foto: REUTERS

Zuerst das große Erdbeben und nun Hurrikan Sandy – während die Welt nach New York blickt, leiden die Menschen auf der Karibik-Insel Haiti fast unbeobachtet unter der nächsten humanitären Katastrophe.

„Der Sturm und der Regen haben die Ernte zerstört. Für ein Land wie Haiti, das immer noch überwiegend von der Landwirtschaft lebt, ist das eine Katastrophe“, berichtet Alinx Jean-Baptiste. Er ist der Direktor der Kindernothilfe Haiti in der Hauptstadt des Landes, Port-au-Prince. „Besonders betroffen ist die Südküste des Landes, aber auch in den Bergen im Westen haben die Bauern das Vieh und die Ernte verloren.“ Das Rote Kreuz befürchtet, dass die Bevölkerung hungern muss. Der verheerende Sturm, der im gesamten Karibikraum erhebliche Zerstörungen anrichtete, hat das ohnehin notleidende Haiti mit voller Wucht getroffen. Die aufflackernde Hoffnung, dass es nach dem dramatischen Erdbeben vom Januar 2010 nun endlich aufwärts gehen könnte, ist hinweggefegt. „Die Menschen erwarten, dass die Regierung nun die richtigen Maßnahmen ergreift, sonst werden wir im November und Dezember die Folgen dieser Ernteausfälle erleben“, prognostiziert Alinx Jean-Baptiste.

Haitis Präsident Michel Martelly und Premierminister Lee Lamothe hatten bereits in einer ersten Reaktion den Notstand ausgerufen. Das erste Land, das Haiti zur Hilfe eilte, war Venezuela, das unbürokratisch 240 Tonnen Hilfsgüter schickte. Doch da auch Kuba, die Bahamas, Jamaika und schließlich die USA unter den Auswirkungen von „Sandy“ leiden, geriet Haitis neuerliche Katastrophe schnell aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit. Wie groß das Ausmaß der Schäden in Haiti ist, ist noch nicht abzusehen.

Viele Straßen und Wege sind unterspült, ganze Landstriche von der Kommunikation und der Infrastruktur abgeschnitten. Besonders betroffen ist die Autobahn Nummer eins, die Haiti mit dem deutlich wohlhabenderen Nachbarland Dominikanische Republik auf der Halbinsel verbindet. Brücken sind eingestürzt. Die Autobahn ist die Hauptschlagader des wirtschaftlichen Lebens der beiden ungleichen Länder. Die immer noch zahlreich vor Ort vertretenden Hilfsorganisationen, konnten deshalb noch gar nicht in die besonders hart getroffenen Regionen des Landes vorstoßen. Ihre Aufgabe ist ohnehin eine andere. Sie sollen den schleppenden Wiederaufbau des Landes nach dem Beben von 2010, das 250 000 Menschen das Leben kostete, voranbringen. Doch immer wieder machen neue Rückschläge die Aufbauarbeit der letzten Monate zunichte. Knapp 60 Tote hat das Unwetter gefordert, glauben die Regierungsstellen. Wie viele es wirklich sind, kann niemand sagen.

„Das Problem ist, das Haiti einem solchen Sturm fast schutzlos ausgeliefert ist. Nur zwei Prozent der Fläche des Landes sind bewaldet. Sintflutartige Regenfälle wie sie Sandy mit sich gebracht hat, spülen dann den Boden weg“, sagt Jean-Baptiste. Die jahrzehntelange Abholzung des ursprünglich in Haiti beheimateten Regenwaldes – meist durch ausländische Kolonialherren – wirkt bei solchen Katastrophen wie ein Verstärker. Vor rund 90 Jahren waren immerhin noch 60 Prozent des Landes bewaldet. Jetzt ist Haitis „nackte Haut“ der Bodenerosion ausgeliefert.

Der Albtraum Haitis nimmt kein Ende. Hinzu kommt die Angst, dass ein fast schon besiegt geglaubter Gegner zu erneuter Stärke wiederfinden könnte. In den besonders betroffenen Provinzen warnen die Experten vor einem erneuten Ausbreiten der Cholera. Die Behörden riefen die Menschen dazu auf, die Hygiene-Hinweise zu beachten. Schon einmal wurden tausende Haitianer das Opfer der Seuche. Haitis Präsident Martelly bleibt nichts anderes übrig, als die internationale Gemeinschaft wieder zu bitten, dem notleidenden Land erneut zur Seite zu stehen.

Auf Kuba ist die Lage offenbar schlimmer als zunächst geglaubt. So soll vor allem die Landwirtschaft stark getroffen worden sein. Kuba hat einen in der Karibik vorbildlichen Katastrophenschutz mit umfangreichen präventiven Evakuierungsplänen, die jedes Jahr gerade in der Hurrikansaison viele Todesopfer verhindern. Gegen Sachschäden aber sind die Kubaner machtlos. Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft. So warten viele Einwohner der Insel immer noch auf Strom. Fast 300 Spezialtrupps kämpfen darum, die beschädigten Leitungen wieder herzustellen. Besonders betroffen ist die zweitgrößte Stadt des Landes, Santiago de Cuba. Mehr als 200 000 Unterkünfte sollen zerstört worden sein.

Zunächst wurden die Schulen wieder hergerichtet. Überall im Katastrophengebiet sind sie jetzt wieder für die Kinder geöffnet.

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