Hurrikankatastrophe : Bush gibt schwere Fehler zu

Bei zehntausenden Menschen, die in New Orleans auf Rettung warten, wachsen Wut und Empörung. Die Kritik an den Hilfsaktionen wird immer lauter. Nach neuen Schätzungen wurden bis zu einer Million Menschen obdachlos.

Washington/New Orleans - (02.09.2005, 21:12 Uhr) - Nach Tagen von Chaos und Gewalt ist ein Konvoi der US-Nationalgarde am Freitag in New Orleans eingetroffen und hat den verzweifelten Bürgern Trinkwasser und Nahrungsmitteln gebracht. Die Soldaten sollen außerdem die Gesetzlosigkeit, Plünderungen und Schießereien von Straßenbanden beenden.

Trotz pausenloser Evakuierungen warten in der im Dreck versinkenden Südstaatenmetropole weiter Zehntausende auf Rettung. Bürgermeister Ray Nagin ließ seinem Ärger über das Krisenmanagement freien Lauf und forderte die Regierungsbeamten auf, «ihre Hintern zu bewegen» und rasch mehr Hilfe, Soldaten und Busse zu schicken.

Während eines Besuches in der Katastrophenregion beschwichtige US-Präsident George W. Bush und sagte, dass Millionen Tonnen Hilfsgüter auf dem Weg seien. Dennoch sei das Ergebnis der Hilfsaktionen bislang «inakzeptabel». Aus dem Ausland rollte unterdessen eine umfassende Hilfswelle an.

Knapp fünf Tage nach dem Hurrikan «Katrina» wird das Ausmaß der Naturkatastrophe immer deutlicher. Nach den Worten von Bush sieht die gesamte Küste am Golf von Mexiko aus, als ob sie von der schlimmsten vorstellbaren Waffe getroffen worden sei. Mindestens 350 000 Häuser seien zerstört worden und bis zu einer Million Menschen benötigten ein neues Zuhause, sagte der Chef der US-Behörde für Katastrophenmanagement (FEMA), Michael Brown. Die Gesamtschäden durch den Hurrikan könnten 100 Milliarden Dollar (80 Milliarden Euro) überschreiten, teilte die auf Risikoanalysen spezialisierte US-Firma Risk Management Solutions (RMS) am Freitag mit. Das wäre fast ein Drittel des Haushaltes der Bundesrepublik Deutschland.

Leichen im Hauseingang

In New Orleans wurde die Situation am Freitag immer explosiver und die Verzweiflung der Menschen schlug in Empörung und Wut um. Im Footballstadion und im Kongresszentrum wateten Tausende durch Abfall und Fäkalien, in Hauseingängen lagen verwesende Leichen. Die Armee warf von Helikoptern aus Mahlzeiten und Wasserflaschen ab. Polizisten standen mit Gewehren im Anschlag auf Hausdächern, um marodierende Banden in Schach zu halten. Nach einem Brand stürzte ein Haus in der Innenstadt ein.

Hunderte Touristen haben sich in den höheren Etagen von Hotels verbarrikadiert und flehten per Telefon um Hilfe. «Ich weiß nicht, ob jemand sich im Klaren ist, dass wir noch hier sind», sagte Phyllis Petrich. Eine Abgeordnete des Parlaments von Louisiana bat die Öffentlichkeit per Telefon aus New Orleans um Hilfe an: «Schickt Busse! Ihr könnt tausende Leben retten!»

Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, drohte Plünderern und anderen Gesetzesbrechern im Katastrophengebiet mit Waffengewalt. Zusätzliche Soldaten seien in New Orleans eingetroffen, sagte sie dem US-Nachrichtensender CNN. «Diese Soldaten wissen, wie man schießt und tötet. Ihre Waffen sind geladen und gesichert.»

Wasser fließt langsam ab

Spezialisten des Pionier-Korps arbeiteten mit Hochdruck an der Reparatur der gebrochenen Dämme. General Karl Strock äußerte Sorge, dass neue Stürme aus der Karibik heranziehen könnten, ehe die Dämme wieder hergestellt seien. Die Hurrikan-Saison dauert bis Ende November. Nach letzten Angaben fließt das Wasser sehr langsam aus der Stadt ab und nur noch 53 Prozent der Fläche sind geflutet.

Der Senat verabschiedete in der Nacht zum Freitag in Washington ein Soforthilfepaket im Umfang von 10,5 Milliarden Dollar (8,4 Milliarden Euro). Das Abgeordnetenhaus wollte am Freitag zustimmen. Es handele sich um eine erste Tranche, sagte Senatsmehrheitsführer Bill Frist. Über weitere Gelder werde später entschieden.

Einsatz für "Medevac"?

Aus aller Welt rollte eine beispiellose Hilfsaktion für die USA an. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bot neben Medikamenten und Bergungsspezialisten die Lazarettmaschine «Medevac» der Bundeswehr sowie Flugzeuge für Evakuierungen und Transporte an. «Die Bilder sind kaum zu ertragen», sagte Schröder. Der russische Zivilschutz machte zwei schwere Transportflugzeuge Iljuschin-76 für einen Kriseneinsatz startklar. Die Maschinen sollten leichte Such- und Rettungshubschrauber nach Amerika fliegen.

Auch Frankreich, Italien, Österreich, Schweden und Australien bereiteten Flüge mit Hilfsgütern vor. Sri Lanka, im vergangenen Dezember durch einen Tsunami selbst zum Opfer einer Naturkatastrophe geworden, sprach der USA seine Sympathie aus und bot finanzielle Hilfe in Höhe von 25 000 Dollar (rund 20 000 Euro) für die Flutopfer an. (tso/dpa)

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