ICE-Chaos : Abenteuer Bahn

Zehntausende Reisende sind bisher von den Zugausfällen betroffen, weil die Bahn alle ICEs mit Neigetechnik in die Werkstätten schicken muss. Eindrücke vom Berliner Hauptbahnhof.

Florian Ernst
Behinderungen im Bahnverkehr
Zug fällt aus. Anzeige im Berliner HauptbahnhofFoto: Michael Gottschalk (ddp)

Sonnabend 11 Uhr 20, Berlin Hauptbahnhof, Gleis 8. „Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf wird der Intercity Express von München nach Hamburg Altona, planmäßige Abfahrt 11 Uhr 18 von Gleis 8, entfallen. Wir bitten um Entschuldigung“, informiert eine Stimme aus dem Lautsprecher. An einer Bank auf dem Bahnsteig diskutieren die wartenden Fahrgäste jedoch schon längst nicht mehr darüber, ob der durchgesagte ICE fährt – hier geht es um einen zwischenzeitlich angekündigten Ersatz-Intercity. Denn auch dieser scheint auszufallen.

„Noch ’ne Stunde warten, das gibt’s doch nicht“, sagt Sabine Brose aus Berlin, sie wartet schon seit 10 Uhr. „Die müssen sich hier doch was einfallen lassen.“ Die Filmschnittmeisterin will nach Hamburg, um sich mit einer Produzentin zu treffen. Für die Freiberuflerin ein wichtiger Termin. Am Service-Point hatte sie kurz vorher die Auskunft bekommen, dass der ICE durch einen IC ersetzt würde. Sie hat extra ihre Fahrkarte umschreiben lassen und so den ICE-Aufschlag zurückbekommen. Vom Ersatzzug ist allerdings nichts zu sehen oder zu hören. „Das ist echt keine Alternative zum Auto“, sagt Brose über die Bahn. „Erst kostet es ein Schweinegeld, und dann funktioniert es nie so, wie es soll.“

Am Serviceschalter zwei Etagen höher sind die ausfallenden ICE-Züge ebenfalls das vorherrschende Thema. Fahrgäste fragen nach, welche Züge fahren, lassen sich Alternativrouten vorschlagen, geben Fahrscheine zurück oder lassen sich Gutscheine für Taxifahrten ausstellen. Die meisten bekommen, was sie wollen, sind aber dennoch entnervt, weil ein Termin geplatzt oder ihr ursprünglicher Zeitplan nicht mehr einzuhalten ist. In Berlin ist am Sonnabend die Strecke Hamburg-Berlin-Leipzig-München in beiden Richtungen betroffen. Auch an weiteren Knotenpunkten in Deutschland führen die Ausfälle zu erheblichem Chaos. Besonders stark in Frankfurt am Main, wo gleich zwei der vier betroffenen Strecken kreuzen. Auch dort herrscht erheblicher Unmut unter den Fahrgästen.

Auf dem Bahnsteig in Berlin geht die Verwirrung unterdessen weiter. Der eigentlich mittlerweile als ausgefallen geltende Ersatzzug taucht in einer Lautsprecheransage wieder auf: „Der Intercity von München nach Hamburg-Dammtor, planmäßige Ankunft 11 Uhr 20 auf Gleis 7, verkehrt heute auf Gleis 6.“ Es ist bereits 11 Uhr 25. Sabine Brose versucht im Gespräch mit einem Mann, der nach Kiel unterwegs ist, herauszufinden, ob das nun der richtige Zug ist, gleichzeitig fährt ein weiterer Zug auf Gleis 7 ein. Brose entscheidet sich, über die Treppe auf Gleis 6 zu wechseln, der junge Mann geht zum Zug auf Gleis 7 – der allerdings nach Stralsund fährt. Brose hat auf Gleis 7 auch keinen Erfolg: Der Zug fährt heute nur bis Berlin, warum, sagt ihr eine Service-Mitarbeiterin der Bahn: „Weil die Leitung das so beschlossen hat.“ Ersatzzüge waren am Sonnabend dennoch auch in Berlin im Einsatz. So wurde der ICE von Berlin nach München um 9 Uhr 53 mit einem Intercity ersetzt, der allerdings zwanzig Minuten verspätet abfuhr. Am Aussehen dieser Züge lässt sich ablesen, wie knapp die Reserven der Bahn sein müssen: Fast ausschließlich Erste-Klasse-Waggons werden verwendet, mit Hinweiszetteln zur zweiten Klasse umdeklariert.

Auf dem Bahnsteig sucht man vergeblich Hinweiszettel oder sonstige Informationen zur aktuellen Situation. Erst kurz vor der geplanten Abfahrt geben die Anzeigetafeln auf den Gleisen Auskunft, ob der nächste Zug kommt, ausfällt, oder ein Ersatzzug bereitgestellt wird. Die meiste Zeit bleiben sie leer. Wer mehr wissen will, muss sich eine Etage höher an den Anzeigetafeln an den Rolltreppen informieren oder eine der wenigen Servicekräfte auf dem Bahnsteig suchen. Wer Glück hat, findet auch einen Bahnmitarbeiter, der Getränke an die Wartenden verteilt. Ansonsten ist gut dran, wer sich vorher im Internet informiert hat oder bei einer Service-Rufnummer durchkommt. Dort kann man erfahren, welche Züge wirklich noch fahren.

Sabine Brose ist mittlerweile wieder an ihrem Ausgangsort, Gleis 8, angekommen. Die Anzeigetafel zeigt nun für 12 Uhr 18 einen ICE nach Hamburg-Altona an. Auf dem Bahnsteig haben sich Fahrgäste aller ausgefallen Zügen der vergangenen drei Stunden angesammelt. Um 12 Uhr 15 kündigt eine Lautsprecheransage die Einfahrt des Zuges an, eine Gruppe Wartender fängt an zu klatschen. „Wir stehen alle auf dem Gang, aber Hauptsache, wir kommen endlich nach Hamburg“, sagt Sabine Brose und steigt in den lange erwarteten Zug.

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