ICE-Unfall : Hessen kritisiert die Bahn

Massive Sicherheitsprobleme hat die Deutsche Bahn auf der Schnellzugstrecke zwischen Hannover und Würzburg, das wirft ihr ein Bericht des Regierungspräsidiums Hessen vor. Auf dem Abschnitt war ein ICE mit einer Schafherde zusammengestoßen. Ein Lokführer soll zudem angetrunken gewesen sein.

Carsten Brönstrup
ICE
Bei dem ICE-Unfall im Landrückentunnel bei Fulda wurden mehr als 20 Schafe getötet und 19 Menschen verletzt. -Foto: dpa

Berlin - Die Deutsche Bahn hat nicht nur bei den ICE-Achsen, sondern auch bei Unfällen auf der Schnellzugstrecke zwischen Hannover und Würzburg ein massives Sicherheitsproblem. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse des Regierungspräsidiums Kassel über den Zusammenstoß eines ICE mit einer Schafherde Ende April in einem Tunnel bei Fulda. „Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind bedenklich“, urteilte Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU) in einem Schreiben an den Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, das dem Tagesspiegel vorliegt. Er bittet, die Sicherheitsvorkehrungen „zu überdenken“. Bei dem Unfall waren 19 Menschen zum Teil schwer verletzt worden, nachdem eine Schafherde unter noch ungeklärten Umständen in den Tunnel gelaufen war.

Der Bericht listet eine Reihe von schweren Mängeln bei der Bahn auf, sowohl bei den Sicherheitsvorkehrungen an der Strecke als auch beim Rettungseinsatz nach der „Beinahe-Katastrophe“, wie es heißt. „Zwingend erforderliche technische Ausstattungen, die heute Stand der Technik sind und bei allen Verkehrsprojekten eingebaut werden, fehlen auf der Strecke.“ So habe ein Kamerasystem gefehlt, das ähnlich wie in Straßentunneln den Betrieb überwacht und vor den Schafen hätte warnen können. Mit einem solchen System „wäre der Unfall wahrscheinlich vermeidbar gewesen“, heißt es in der Studie. Auch ein Zaun fehlte an der Unfallstelle.

Mit dem Rettungseinsatz habe die Bahn große Probleme gehabt. So habe nach der Kollision die Notfallzentrale im Konzern Informationen an die Feuerwehr „nicht oder nur unzureichend“ weitergegeben. Zunächst sei sogar „eine falsche Kilometerangabe“ übermittelt worden. Die Spezialrettungszüge für Tunnelunfälle seien danach „nicht unverzüglich alarmiert und entsandt“ worden. Ein Lokführer dieser Züge sei nach Aussagen der Feuerwehr überdies „nicht nüchtern“ gewesen, ein anderer habe erst die Gebrauchsanweisung des Zuges lesen müssen, bevor er in den Tunnel habe einfahren können. Dies habe zu „erheblichen Verzögerungen“ geführt, heißt es weiter. Ohnehin hätten diese Züge „lange Anfahrzeiten“. Teilweise stünden sie, wie der Rettungszug Kassel, „regelmäßig für mehrere Monate am Standort nicht zur Verfügung“.

Die örtliche Feuerwehr konnte zuvor an der Unfallstelle nicht eingreifen. Zum einen habe sie den Strom der Oberleitung nicht abstellen können, da an der Strecke Hannover–Würzburg entsprechende Schalter fehlten. Zum anderen fehle es den Einsatzkräften an Ausrüstung, um bei Tunnelunfällen helfen zu können.

Die Bahn dementierte Sicherheitsmängel und sprach von „unverantwortlicher Panikmache“. Bevor die Ermittlungen der Justiz nicht abgeschlossen seien, gebe es keine belastbaren Aussagen. Das Rettungskonzept und der Tunnel entsprächen aber den geltenden Regeln und dem Stand der Technik. Carsten Brönstrup

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