Welt : „Ich beende meine Pilgerreise“

Mit seinen Worten in Lourdes nährt der Papst Spekulationen über seinen Gesundheitszustand

Vincenzo Delle Donne[Rom]

Kaum ist Papst Johannes Paul II. von seiner eindrucksvollen Lourdes-Pilgerreise nach Rom zurückgekehrt, mehren sich die Spekulationen um seinen angeschlagenen Gesundheitszustand und seinen baldigen Tod. Die Spekulationen werden diesmal sogar von höchster Stelle genährt, und zwar vom belgischen Kardinal Godfried Danneels. Gegenüber der belgischen Zeitung „Het laatste Nieuws“ äußerte der Kardinal offen die begründete Annahme, wonach das Oberhaupt der katholischen Kirche möglicherweise dem Ende seines Lebens nahe sei. Der Kardinal stützte seine Vermutungen auf seine Eindrücke während der Pilgerreise des Papstes nach Lourdes.

Schon bei der Ankunft am berühmten französischen Wallfahrtsort sagte der 84-jährige Papst den vielsagenden Satz: „Ich habe mein Ziel erreicht.“ Dann fügte er hinzu: „Ich beende meine Pilgerreise.“ Diese Worte haben inzwischen viele Spekulationen ausgelöst, auch unter offiziellen Vertretern der katholischen Kirche. Für Kardinal Daneels klang diese Ansage nicht nur wie ein Abschied des Kirchenoberhauptes von Lourdes, sondern möglicherweise auch von seinem Leben.

Schon am ersten Besuchstag in Lourdes erlitt Johannes Paul II. einen Schwächeanfall. Bei der Lesung der Messe vor 300000 Pilgern war es beim Festgottesdienst am Sonntag darüber hinaus zu einem weiteren Vorfall gekommen.

Ein sichtlich angeschlagener Papst sagte plötzlich auf Polnisch: „pomorzie mi“, „helft mir“. Kurze Zeit später reichten seine Mitarbeiter dem Papst ein Glas Wasser. Der Papst trank davon und las dann die Messe weiter. Auf Polnisch hat er sich dabei Mut gemacht: „musze siconczyc“, „ich muss bis zum Ende durchhalten“.

Um ihm beim Lesen Ruhepausen zu gönnen, spendeten die Pilger nach jedem wichtigen Satz Beifall. So schaffte es der Papst schließlich bis zum Ende der Messe.

Johannes Paul II. betätigte sich zeitlebens sportlich, so oft es ging. Er machte ausgiebige Wanderungen in den Dolomiten und schwamm im vatikaneigenen Swimmingpool, den er eigens einrichten ließ. Eine gute Konstitution und sportliche Betätigungen ermöglichten es ihm, sogar das schwere Attentat von 1983 zu überstehen. Bei einer Audienz auf dem Petersplatz wurde er damals angeschossen. Schon seit einigen Jahren wird Johannes Paul II. von schweren Gebrechen geplagt. Der 84-Jährige, der in der Vergangenheit an Krebs erkrankte und operiert wurde, leidet sowohl an der Parkinson-Krankheit als auch an schwerer Arthritis. Bei öffentlichen Auftritten sieht man ihn seit Monaten nur im Rollstuhl und sein Sprachvermögen ist deutlich eingeschränkt. Immer häufiger mussten Assistenten seine Reden und Predigten vorlesen.

Spekulationen um den schlechten Gesundheitszustand des polnischen Kirchenoberhauptes hat es in den letzten Jahren gleichwohl immer wieder gegeben. Doch wie ein Stehaufmännchen erholte der Papst sich immer wieder – wie auf wundersame Weise. In seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo wird er sich nun von den Strapazen seiner jüngsten Reise erholen. Andererseits sind im Vatikan die Vorbereitungen für einen eventuellen Tod von Johannes Paul II. längst getroffen worden. Erst im letzten Herbst feierte der Papst sein 25-jähriges Pontifikat: Das drittlängste der Kirchengeschichte.

Andererseits gehen im Vatikan nach der Rückkehr aus Lourdes bereits die Vorbereitungen zur nächsten Pastoralreise weiter. Am 5. September will der 84-Jährige das Adria-Heiligtum Loreto aufsuchen und dort drei große Gestalten der italienischen Kirchenbewegung „Azione Cattolica“ selig sprechen, darunter deren künftigen Patron Alberto Marvelli (1918-1946).

Zudem mehren sich die Anzeichen, dass der Papst Ende November nach Istanbul zu einem katholisch-orthodoxen Kirchengipfel mit Patriarch Bartholomaios I. reisen wird.

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