Welt : Ich gestehe!: Cem Özdemir, Bundestagsfraktion Die Grünen

"Die Zeit" lud mich zum Geburtstag ihrer Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff. Vor mir in der Reihe der Gratulanten stand ein Meister des Beglückwünschens. Er zog alle Register, und zum Schluss verneigte er sich und gab ihr einen Handkuss. Ich hatte in meinem Leben einer Dame noch keinen Handkuss gegeben. Was ich natürlich schon oft gemacht hatte, war, meiner Oma oder meiner Mutter die Hand zu küssen, wie man dass als Kind in der Türkei an Feiertagen macht. Allerdings ist das ein anderer Handkuss. Man küsst auf die Handoberfläche und die Lippen berühren dabei die Haut, und dann führt man die Hand zur Stirn. Das ist eine Ergebenheitsgeste. Dafür kriegt das Kind dann Süßigkeiten oder zwei Mark fünfzig. Ich nahm also ihre Hand, hielt sie mit beiden Händen fest umschlungen, und in dem Moment sind die Gene mit mir durchgegangen. Ich habe meine Oma vor mir gesehen, gab der Gräfin Dönhoff einen Schmatzer und führte ihre Hand zu meiner Stirn. Als ich die Hand an meiner Stirn hatte, dachte ich: Was machst Du mit dieser Hand? Lass sofort diese Hand los! Was denkt Sie, was Du da machst? Was denken all die anderen? Sollte ich ihr erklären, ich habe sie mit meiner Oma verwechselt? Ich wagte einen kurzen Blick nach oben, sah, dass die Gräfin etwas irritiert schaute, nach dem Motto: Was macht der Türke als Nächstes? Vielleicht tritt er mir auf den Fuß? Weiß man, was sie sonst noch für ungewöhnliches Brauchtum haben? Ich ließ ihre Hand sanft entgleiten und verabschiedete mich japanisch gebeugt, rückwärtsgehend. Den restlichen Abend habe ich mit viel Sekt in einer Ecke verbracht.

Aufgezeichnet von Bea Schnippenkoetter

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