Welt : Ich gestehe!: Dominic Raacke, Schauspieler

Bea Schnippenkoetter

Mit sieben Jahren haben mich meine Eltern nach Westerland auf Sylt geschickt, damit ich meinen asthmatischen Heuschnupfen an der Seeluft kuriere. Ich wohnte mit anderen Kindern und Leidensgenossen in einem Schwesternheim. Das war Mitte der sechziger Jahre und es ging relativ streng zu.

Ich schlief mit fünf Jungs in einem Zimmer. Tagsüber wurden wir wie die Schafe in einen abgezäunten Bereich in die Dünen zum Spielen getrieben. Die Duschräume waren groß und offen und bis zur Decke türkis gekachelt. Wir durften uns nicht selber waschen, sondern wurden hingestellt, abgeduscht und von zupackenden Schwestern in Weiß von oben bis unten mit Kernseife eingeseift.

Einmal wurde die Schwester, die gerade angefangen hatte, mich zu waschen, zum Telefon gerufen. Sie verschwand, und ich stand da und wartete. Sie kam nicht wieder. Die anderen Kinder hatten nach und nach die Duschräume verlassen. Ich wartete letztendlich allein darauf, dass meine Schwester zurückkam, um mich abzuduschen. Die Seife fing an, auf meiner Haut zu trocknen. Aber ich traute mich nicht, mich zu rühren.

Ich hätte die ganze Nacht so dagestanden. Beim Abendessen muss dann mein Fehlen bemerkt worden sein. Denn schließlich, eine dreiviertel Stunde später - für mich eine Ewigkeit - kam jemand, rubbelte mich unsanft ab und holte mich da raus. Sonst hätte ich vermutlich noch Tage so dagestanden - bis meine Eltern mich wieder abgeholt hätten. Die Geschichte habe ich bisher noch niemandem erzählt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben