Welt : Ich gestehe!: John le Carré, Schriftsteller

Bea Schnippenkoetter

Ich finde das ganze Leben so peinlich, dass es mir schwer fällt, einen einzelnen Moment hervorzuheben. Aber ich wurde einmal von dem italienischen Präsidenten Cossiga nach Rom eingeladen, weil er meine Bücher bewunderte. Ich dachte mir, im Quirinale-Palast zu essen, ist ein Anlass, der auch eine entsprechende Gegengabe erfordert. Also ließ ich eines meiner Bücher in schönstes Leder binden und schrieb als Widmung hinein: Für Federico Cossiga, presidente della repubblica italiana. In Rom angekommen wurde ich mit weißer Limousine und Motorradeskorte zum Quirinale gebracht, und ich ging diese wundervollen Stufen hinauf in einen riesigen, mittelalterlichen Speisesaal, vor dessen Fenstern sich die Hügel von Rom ausbreiten. Da kam ein sehr eleganter Mann und begrüßte mich überschwänglich: "Mr. le Carré, mein ganzes Leben habe ich mich auf diesen Augenblick gefreut. Bevor wir hinaufgehen", sagte er, "würde ich Ihnen gerne die Pracht des Quirinale zeigen". Während wir so umhergingen, bemerkte ich eine Reihe von Leuten, die uns folgten und die ich für das Fußvolk hielt. Wir gingen um die Ecke, und die Leute waren verschwunden. Ich hatte das Buch in Händen und dachte mir, dies sei der geeignete Augenblick. Also sagte ich: "Ich habe Ihnen dieses Buch mitgebracht". Und er öffnete es und sagte: "Sehr nett. Warum geben Sie es nicht dem Präsidenten?" Ich wäre beinahe gestorben. Wie sich herausstellte, war der Präsident ein eher hässlicher Mann mit Brille in der Gruppe von Menschen, die ich für das "Fußvolk" gehalten hatte. Von diesem peinlichen Irrtum habe ich mich so schnell nicht mehr erholt.

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