Welt : Ich gestehe!: Matthias Hartmann, Intendant Schauspielhaus Bochum

Bea Schnippenkoetter.

Ich war vierzehn und auf einem englischen Internat. Dort unterrichtete auch ein ehrwürdiger deutscher Jude, der vor den Nazis geflohen war und traumatisiert von seinen Erlebnissen kein Wort Deutsch mehr sprach. Ich unterhielt mich mit meinen Schulkameraden auf den Bus wartend, der uns von der Schule zum Internatshaus bringen sollte. Auf einmal hatte ich einen Frosch im Hals. Um ihn wieder loszuwerden, sammelte ich, wie Kinder das so machen, eine Menge Spucke im Mund, um das ganze Gebräu alsdann nach rückwärts in die Hecke zu jagen. Just in dem Augenblick kam Mr. Wehler vorbei und die glibbrige, schwere Masse landete genau auf seiner Nasenspitze. Ich habe den Moment wie in Zeitlupe erlebt, sah den ekligen Klumpen durch die Luft fliegen und spürte noch einen Impuls, mit der Hand nach ihm zu greifen, um seinen fatalen Flug zu stoppen oder ihn wenigsten aus der Bahn zu bringen. Natürlich ging das nicht. Mir war die Tragikomik dieser Situation sofort bewusst und ich musste zu allem Unglück auch noch lachen. Der arme Lehrer, bespuckt und beschmutzt von einem grinsenden deutschen Kind, hielt seine Hände vors Gesicht und floh. Am selben Abend klopfte ich an seiner Tür. Als er öffnete, sah er mich kurz an, um mir die Tür im nächsten Augenblick wieder vor der Nase zuzuschlagen. Meine Entschuldigung wollte er nicht haben. Damit werde ich ewig leben müssen, nicht nur mit der Peinlichkeit, ihn getroffen zu haben, sondern auch mit der Frage, ob er glaubt, ich habe das vielleicht mit Absicht getan. Und insbesondere mit der Schmach, mich nicht entschuldigen zu dürfen.

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