Welt : Ich gestehe!: Matthias Landwehr, Literaturagent

Bea Schnippenkoetter

Mir ist alles peinlich. Ein ganz besonderes peinliches Erlebnis von mir war auch besonders traurig: Es war das Ur-Erlebnis, das allen weiteren Peinlichkeiten vorausging, quasi die Initiation aller weiteren Peinlichkeiten und aller meiner später erfahrenen Gefühle: Ich hatte als Erstklässler zu Weihnachten ein Buch geschenkt bekommen Es hieß "Die Wichtelapotheke". Über dieses Geschenk habe ich mich mit kindlicher Zärtlichkeit gefreut, über seine Figuren, den Wichtelapotheker Hutzelputz und die Roggenmuhme. Nach den Weihnachtsferien wurden wir von unserer Lehrerin aufgefordert, unsere Lieblingsgeschenke mit in die Schule zu bringen. Alle kamen ebenso freudig wie erregt mit ihren Geschenken ins Klassenzimmer: mit fernbedienbaren Autos, sprechenden Puppen und solcherlei Dingen. Die Kinder scharten sich sofort um die attraktivsten Geschenke und fingen an, sie ehrfürchtig untereinander weiterzureichen. Für meine Wichtelapotheke interessierte sich natürlich niemand. Das wurde mir jäh und schmerzhaft klar. Es war das frühe Erkennen des Alleinseins desjenigen, der nichts zu bieten hat. Als erstes kam das Gefühl der Traurigkeit, dann der Scham und zuletzt der Peinlichkeit, als ich alleine dastand und alle sagten: Der mit seinem doofen Buch. Heute spüre ich oft sehr genau, wenn sich andere in einer ähnlich peinlichen Situation befinden. Dann denke ich, da hat jemand die Wichtelapotheke dabei, und ich bemühe mich, dass ihm das nicht peinlich sein muss. Es ist ein Mitgefühl aus eigener Erfahrung. Die Wichtelapotheke steht übrigens immer noch zu Hause in meinem Bücherregal.

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