Welt : Ich gestehe!: Walter Kempowski, Schriftsteller

Bea Schnippenkoetter

1943 war ich im Alter von 12 Jahren mit meinem Vater zu Besuch auf einem Gut in Pommern. Wir aßen ausgiebig und als wir gingen, reichte ich der Gutsherrin zum Abschied die Hand. Aber sie verweigerte mir ihre. Als Kind (und als Mann) wartet man nämlich, bis die Dame von sich aus die Hand reicht. Das war eine Erfahrung, die ich mein ganzes Leben nicht vergessen habe. Genau genommen hat mich diese demütigende Situation dermaßen eingeschüchtert, dass ich immer sehr zurückhaltend mit Händeschütteln geblieben bin. Eigentlich war es von der Dame herzlos - sofern es überhaupt eine Dame gewesen ist - sonst hätte sie meinen Fauxpas einfach übergehen müssen. Hinzu kam, dass mein Vater mich böse anschaute und hinterher gab es dann - zu spät - den fälligen Anstandsunterricht. Sowas ist heute absolut unüblich. Ich mache mir trotzdem heute immer noch den Spaß, aufzustehen, wenn jemand in mein Zimmer tritt, egal ob er älter oder jünger ist. Benimm-Dich-Bücher erfreuen sich ja heute wiederum größter Beliebtheit, wohl weil bürgerliche Traditionen durch die Kriegs- und Nachkriegszeit weitgehend verloren gegangen sind. Wenn man allerdings bedenkt, wie streng die Altvorderen waren, muss man sagen, gottlob sind sie verloren gegangen. Neulich ging ich mit einer Dame in Rostock spazieren. Wir trafen einen jungen Fotografen. Ich reichte ihm die Flosse - und was sagt der Kerl da: "Ladies first". Da wurde ich so wütend, dass ich mich umgedreht habe und weggegangen bin. So kommt das alte Erlebnis mit der Gutsherrin dann wieder hoch.

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