Welt : „Ich goog(e)le“

Am Samstag erscheint der neue Duden – mit vielen neuen Wörtern

Carsten Werner

Bloß „googeln“ muss, wer im „Onlineshop“ ein „Fotohandy“ oder „Billigflieger“-Tickets sucht – nur den richtigen Zeitpunkt darf man nicht „verbaseln“. Ganz „wuschig“ könnte werden, wer so viele neue Worte nicht auf Anhieb begreift. Da hilft seit jeher der Duden.

Als Konrad Duden 1880 das erste Rechtschreib-Wörterbuch herausgab, gehörten gerade mal rund 29 000 Wörter zur deutschen Gebrauchssprache. Am Samstag erscheint der Duden in einer neuen, der 23. Auflage. Inzwischen enthält der gelbe Klassiker 125000 Stichworte. 5000 davon sind in diesem Jahr neu: Denn ohne Riesterrente und Minijobs, ohne Dosenpfand und Alcopos, Teuro, Homoehe, Genmais und Flipflops ist heute kaum noch ein Zeitungsartikel oder ein Schulaufsatz zu schreiben.

1152 Seiten dick ist das Nachschlagewerk, das der Leiter der Duden-Redaktion Matthias Wernke „den wichtigsten Brot-Artikel des deutschen Buchhandels“ nennt, diesmal. Neben tausenden neuer Wörter, mit denen die Redaktion die „Explosion“ der Sprachentwicklung abbildet, finden sich im neuen Duden erstmals auch jede Menge falsch geschriebener Wörter: Sie sind in falscher Schreibung im alphabetischen Register aufgeführt, wo dann auf die richtige Schreibweise verwiesen wird. Zum ersten Mal bietet die Duden-Version auf CD-Rom Aussprachehilfen auf Basis von Vertonungen der Aussprachedatenbank der ARD.

Die 23. Auflage ist die dritte seit Einführung der neuen Rechtschreibregeln 1997 – die der Sprachhoheit des Dudens erstmals Konkurrenz machten: Bis dahin hatte die Duden-Redaktion die Rechtschreibung immer selbstständig entsprechend der Sprachentwicklung fortgeschrieben, den jeweils aktuellen Wortschatz aufgelistet und damit auch Zeitgeschichte dokumentiert. Die Redaktion ist auch heute – wie alle Verlage und Zeitungen – nicht an Vorschriften oder Gesetze gebunden, sondern sieht sich vor allem der Sprache verpflichtet. Nur für Schulen und Behörden ist die Rechtschreibreform ab August 2005 verbindlich.

„Die Aktualisierung und Erweiterung des Wortschatzes standen für uns bei der Neubearbeitung im Mittelpunkt“, sagt Werncke. Gleichzeitig werde ein notwendiges und eindeutiges Zeichen für die neue Rechtschreibung gesetzt, die seit sechs Jahren von Millionen Schülern in Deutschland, Österreich und in der Schweiz erfolgreich gelernt werde. Der durch die angekündigte Rückkehr einiger großer Zeitungen zur alten Rechtschreibung ausgelöste „Gelehrtenstreit“ gehe an der tatsächlichen Entwicklung der Rechtschreibung ohnehin vorbei, meint Wernke. Er hofft, dass der neue Duden auch einen Beitrag zur Entspannung der Diskussion leisten könne.

So berücksichtigt der Duden auch die im Juni von der Kultusministerkonferenz (KMK) neu beschlossenen kleineren Änderungen an den Regeln, die vor allem die Getrennt- und Zusammenschreibung betreffen. Die Dudenmacher sehen aber keine gravierenden Auswirkungen des größeren Variantenreichtums durch einige wiederbelebte alte Schreibweisen. Sie vertreten die Auffassung, dass es für das Textverständnis gar keine Bedeutung habe, für welche Form sich der Schreiber entscheidet. Und viele alte Regeln würden sich auf Dauer „von selbst abschleifen“, meint Wernke.

Schließlich entwickelt die Sprache sich über Jahrhunderte weiter – und erweist sich dabei als erstaunlich resistent gegenüber Regeln und Vorschriften. Wie sonst könnten es Begriffe wie „Ich-AG“, „Schurkenstaat“, „Tempomat“ und „Zickenalarm“, „quarzende“ Raucher und „sich die Kante gebende“ Trinker in den Duden schaffen? Bei der Auswahl für die deutsche Sprach-Bibel kommt es nicht auf den Geschmack an, erläutert Duden-Redakteur Werner Scholze-Stubenrecht das lexikographische Handwerk: „Freie Mitarbeiter lesen für uns verschiedenste Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien – da müssen Neuzugänge regelmäßig auftauchen.“ Ihre Entdeckungen kommen, wie auch Leser-Hinweise, in eine „Duden-Kartei“. Dann muss noch eine Volltextsuche in Zeitungs- und Online-Archiven die Relvanz des jungen Begriffs bestätigen. Was sich nicht über längere Zeit im Sprachgebrauch hält, kommt nicht in den Duden – oder muss irgendwann den zahlreichen Neuaufnahmen weichen. „Pomadenhengste zum Beispiel sind aus der Mode – heute sagt man Latin Lover dazu“, berichtet Scholze-Stubenrecht.

Wer „prollen“ will, bezeichnet die Stewardess im „Billigflieger“ jetzt als „Saftschubse“ oder „latzt“ die „Praxisgebühr“, statt zu zahlen – auch das ist ab Samstag offizieller Sprachgebrauch.

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