Welt : Ich hab noch einen Koffer in Berlin

Rainer W. During

Für viele beginnt schon jetzt die Ferienplanung für das nächste Jahr. Doch die ist mit bangen Fragen verbunden. Kann man noch fliegen? Kann man noch durch einen Alpentunnel fahren? Macht mein Reiseveranstalter Pleite? Fliegt meine Fluggesellschaft morgen noch? Wie stark steigen die Preise, wenn der Wettbewerb durch Pleiten eingeschränkt ist? Wie stark steigen die Preise wegen der zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen? Was passiert mit der LTU, die "Bild" als "U-Bahn nach Mallorca" bezeichnet?

Die Branche versucht, Entwarnung zu geben. Ein Trend zur Normalisierung sei trotz des noch zurückhaltenden Buchungsverhaltens bereits deutlich erkennbar. Doch ist mit der Umlage weiterer Sicherheitsgebühren zu rechnen. "Ich glaube, wir kommen schnell wieder zur Normalität", sagt Wolfgang Nordwig vom Berliner Flug-Ring (BFR). "Die Deutschen werden nicht auf das Reisen verzichten", ist der Geschäftsführer des mittelständischen Reiseveranstalters überzeugt. In die gleiche Bresche springt Robin Zimmermann, Sprecher beim Touristik-Großkonzern TUI. "Die Leute wollen Erholung, Sonne, Strand, es ist in keinster Weise abzusehen, dass sich die Menschen vom Transportmittel Flugzeug wegbewegen."

Eine kostenlose Rücktrittsmöglichkeit hatten die Veranstalter nur für die ersten beiden Wochen nach den Attentaten bei Nordamerika-Reisen eingeräumt. "Wer stornieren wollte, hat es da getan", so Sibylle Zeuch vom Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter-Verband (DRV). Während das Herbstferien-Geschäft zurzeit boomt, liegt die Zahl der Neubuchungen für die Wintersaison bundesweit bisher rund 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Auf ihrer Jahrestagung in Leipzig wollen die Branchenvertreter ab heute erstmals eine Analyse der neuen Situation versuchen. So gibt es noch keine Schätzungen über das Ausmaß des wirtschaftlichen Schadens für die Verkäufer von Urlaubsträumen.

Spanien profitiert

Reisebüro-Pleiten sind der DRV-Sprecherin bisher nicht bekannt. Wohl aber habe es "vereinzelte Nachfragen" aus dem Mitgliederkreis hinsichtlich Kurzarbeit gegeben. Mit einem knapp zehnprozentigen Buchungsminus und einem Zugewinn an Marktanteilen komme die TUI eher gestärkt aus dem Tal, sagt Robin Zimmermann. Man habe "Indizien", dass die ausstehenden Reservierungen später doch noch getätigt werden. "Es gibt bereits seit Jahren einen Trend zur kurzfristigeren Buchung", bestätigt Nina Dumbert vom Konkurrenten Thomas Cook (Neckermann, Condor). So hat man den normal bis Ende Oktober laufenden Frühbucherrabatt für die heute beginnende Wintersaison bis Ende November verlängert, können Kurzentschlossene bei rund 1000 Angeboten bis zu 300 Euro für die Zwei-Wochen-Reise sparen.

Der USA-Markt sei ohnehin ein Sommergeschäft, sagt Robin Zimmermann zum nahezu völligen Zusammenbruch der Amerika-Reisen. Auch Israel spielt nach übereinstimmenden Branchenangaben auf dem Touristikmarkt keine Rolle mehr und wurde von vielen Veranstaltern aus dem Programm genommen. Buchungsrückgänge gab es aber auch bei arabischen Staaten wie Ägypten und Tunesien. Dagegen scheint sich der Türkei-Markt nach anfänglichen Einbrüchen wieder zu stabilisieren. Viele Deutsche hatten zunächst eine verstärkte Nutzung der dortigen Nato-Basen als Ausgangspunkte für amerikanische Vergeltungsschläge gegen Afghanistan befürchtet.

Der große Gewinner ist Spanien, wo neben dem Festland auch die Balearen und - als klassisches Winterziel - die Kanarischen Inseln erhebliche Zuwächse vermelden können. Auch die Italien-Reise mit dem eigenen Pkw und der Urlaub in Deutschland bekamen wieder Aufschwung. In welchem Umfang diese Trends einer natürlichen oder einer krisenbedingten Entwicklung entsprechen, vermag wegen der Kürze der Zeit aber noch kein Veranstalter sicher zu sagen. Bei den Fluggesellschaften können die Ferienflieger im Gegensatz zu den Linien-Airlines flexibler auf Trends reagieren und Kapazitäten kurzfristig von einem Zielgebiet auf das andere verlagern. Doch auch hier gibt es Probleme, Thomas Cook hat beispielsweise die Flüge mit nicht zum Konzern gehörenden Carriern reduziert. Konnte man früher in der ohnehin verkehrsschwachen Wintersaison nicht benötigte Maschinen an Gesellschaften in anderen Teilen der Welt vermieten, beispielsweise für den winterlichen Urlaubsverkehr zwischen den USA und der Karibik, ist dieser Markt fast völlig weggebrochen, so Asger Schuberdt von Aero Lloyd. Deshalb würden sich jetzt Kostensenkungs- und Kapazitätsreduzierungsprogramme bewähren, die das Unternehmen bereits lange vor dem 11. September eingeleitet hatte. Doch nicht jede Turbulenz wurde von den jüngsten Ereignissen verursacht, so begann die Krise der LTU lange vor dem 11. September. Aber es gibt nicht nur Klagen bei den Ferienfliegern, ungebrochenen Optimismus signalisiert die Air Berlin. "Wir haben unsere 26. Maschine in Dienst gestellt und gehen davon aus, unsere Flotte wie geplant zum Sommer 2002 um zwei weitere Boeing 737-800 zu ergänzen", so Firmensprecherin Astrid Endriß. Zwei Kurse für neue Flugbegleiter sind gerade angelaufen.

Immer mehr Fluggesellschaften gehen dazu über, die nach den Terroranschlägen gestiegenen Versicherungsprämien an die Veranstalter weiter zu geben, die sie zum Teil bereits auf die Kunden umschlagen. Als Vorreiter fungiert hier die TUI. Für Neubuchungen wird ein Zuschlag zwischen 10 und 18 Euro erhoben. Der Berliner Flug-Ring hat auf einen solchen Schritt bisher verzichtet, weil man Zweifel an der rechtlichen Grundlage hat. Generell wird mit einem weiteren Anstieg der Versicherungskosten gerechnet, wenn die Patronatserklärung der Bundesregierung für die Drittschadenshaftpflichtversicherung voraussichtlich am 25. November abläuft. Auch über eine Weitergabe der Mehrkosten für die verstärkten Sicherheitskontrollen haben Innenministerium und Flughäfen noch nicht entschieden. Die Urlauber müssen also mit weiteren Zuschlägen rechnen. In welcher Größenordnung, dazu will gegenwärtig niemand eine Prognose wagen. Wolfgang Nordwig: "Da tappt man noch völlig im Dunkeln."

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