Welt : „Ich hörte, wie meine Knochen brachen“

Matt Dyer wurde in einem kanadischen Nationalpark von einem Eisbären angegriffen und weggetragen – doch er überlebte.

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Ein Angriff durch einen Eisbären endet für Menschen meist tödlich. Foto: Gerd Braune
Ein Angriff durch einen Eisbären endet für Menschen meist tödlich. Foto: Gerd Braune

Ottawa - Matt Dyer war sich sicher, dass das sein Ende sein würde. „Okay, Alter, du wirst sterben. Deine Zeit ist gekommen“, dachte er. Ein Eisbär hatte ihn am Genick gepackt und schleppte ihn davon. Aber der 48-jährige US-Amerikaner überlebte die Attacke im kanadischen Torngat Mountains Nationalpark. Jetzt, sechs Wochen später, schildert er die Sekunden, in denen er dachte, dass sie seine letzten sein würden.

Die schweren Verletzungen, die Matt Dyer, ein Rechtsanwalt aus Turner im US-Staat Maine, davontrug, sind ihm noch anzusehen – und zu hören. Dyer trägt eine Halskrause. Wegen der Verletzungen spricht er mit leiser, heiserer Stimme. Noch Monate wird er mit den Folgen der Verletzungen zu kämpfen haben. Aber der grauhaarige bärtige Mann klagt nicht. „Wer jemals in der Dunkelheit von einem Bären weggeschleppt und dann gerettet wurde, wird nicht undankbar sein und sich beschweren“, sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung „Portland Press Herald“.

Das Drama ereignete sich kurz nach Mitternacht am 24. Juli im Torngat Mountains Nationalpark an der Nordspitze Labradors. Dyer hatte über die Umweltorganisation Sierra Club eine Wanderung im Nationalpark gebucht. Sieben Naturbegeisterte fanden sich für das Abenteuer zusammen. Der Nationalpark ist für seine Tierwelt – Schwarzbären und Eisbären, Karibus, Wölfe und Wale – bekannt. Ihr Zeltlager sicherten sie mit einem Elektrozaun mit hoher Voltzahl, der sie vor Bären schützen sollte.

Aber in jener Nacht half der Zaun nicht. In den Tagen zuvor hatten sie schon eine Eisbärenmutter mit Kind und einen männlichen Eisbären gesehen. Dyer lag wach in seinem Zelt, als er den Schatten des Bären – in den Torngat Mountains wird es im Juli nachts nicht stockdunkel – über sich sah. „Ich schrie ,Bär im Camp! Bär im Camp!’“

Dann ging alles in Sekundenschnelle, auch wenn es dem Opfer wie eine Ewigkeit vorgekommen sein muss. Der Eisbär hatte ihn am Kopf gepackt. „Er biss durch das Zelt in meinen Kopf und zog mich durch die Zeltleinwand hinaus.“ Das Maul des Raubtiers um seinen Nacken, wurde er weggeschleppt. Die Zähne des Bären waren nahe an seinem Ohr, „ich hörte wie Knochen brachen“, sagt er leise. „Es ist verrückt, dass es nicht schmerzte.“ Der Bär entfernte sich mit seiner Beute vom Zeltlager. „Ich schrie nicht, ich war nicht in Panik. Ich war nur still, wartete darauf, was passieren würde.“ Und er dachte bei sich: „Du bist ein toter Mann.“

Dann hörte er Lärm vom Camp und Licht. Seine Kameraden schossen mit Leuchtmunition. Der Bär ließ sein Opfer fallen. Dyer blieb regungslos liegen, bis sich der Bär zurückzog und seine Freunde zu Hilfe kamen. Dyer konnte nicht sprechen. Sein Kiefer war gebrochen. Glücklicherweise war ein Arzt in der Gruppe. Er stabilisierte den Verletzten und versorgte die Wunden. Nach mehrstündigen Versuchen gelang es, über Funk Kontakt mit der Parkwache aufzunehmen, die einen Hubschrauber schickte. Dyer wurde in ein Krankenhaus in der Inuit-Gemeinde Kangiqsualujjuaq in Quebec geflogen und dort ins künstliche Koma versetzt. Als er aufwachte, lag er 1500 Kilometer südlich in einem Krankenhaus in Montreal. Seine Frau war an seiner Seite.

Dyer hatte viel Glück im Unglück: Der Bär hatte ihm den ersten und zweiten Halswirbel gebrochen, aber Rückenmark und Spinalkanal waren nicht verletzt. Die Halsschlagader wurde getroffen, aber nicht so stark verletzt, dass er verblutete. „Einen Zentimeter weiter, und er wäre verblutet“, sagt seine Frau. Dyers Lunge kollabierte, er musste künstlich beatmet werden, Kiefer und Hände sind verletzt. An der Stirn wird vermutlich eine Narbe bleiben. Dyer ist wohl einer der wenigen Menschen, die eine Eisbärenattacke überlebten. „Ich bin froh, dass der Bär davonkam und nicht erschossen wurde. Es wäre schlimm, wenn er getötet worden wäre, weil ich da war.“ Auch seinen Humor hat er wiedergefunden. Er habe, erzählt Dyer, vor seinem Urlaub seinen Kollegen im Scherz gesagt, er werde bald wieder zurück sein – es sei denn, dass ihn ein Eisbär erwische. Gerd Braune

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