Welt : „Ich sitze da und muss losheulen“

Drama beim härtesten Segelrennen der Welt: Der Österreicher Norbert Sedlacek schleppt sich mit geborstenem Kiel nach Kapstadt

Kai Müller

Die Katastrophe ereignete sich ohne Knall. Kein verdächtiges Geräusch, keine irritierende Vibration warnte den einsamen Segler davor, dass bei seinem Boot die Kielaufhängung gebrochen war. Erst als Norbert Sedlacek am 29. Tag seiner Weltumrundung die Abdeckplatte abschraubte, um den Kiel seiner Yacht „Brother“ zu überprüfen, rutschte das drei Tonnen schwere Ballastelement plötzlich nach unten weg. Nur mit Mühe konnte der 44-jährige Einhandsegler den Kiel, ohne den sein 18 Meter langes Boot sofort umschlagen würde, festzurren. Nun schleppt sich das beschädigte Gefährt nach Kapstadt. Doch bis dorthin sind es über 800 Seemeilen.

Noch vor einem Monat, als zum fünften Mal die Vendée-Globe-Regatta im französischen Les Sables D’Olonne gestartet wurde, war Sedlacek voller Zuversicht (siehe Tagesspiegel vom 6. November). Um als erster deutschsprachiger Teilnehmer bei diesem härtesten Segelrennen der Welt dabei zu sein, hatte der Autodidakt enorme Risiken auf sich genommen. So machte er Schulden, um die 500000 Euro aufzubringen, mit denen er sich einen alten Open-60-Racer kaufte und ausrüstete. In eigener Handarbeit baute er die „Brother“ für den 23000 Meilen langen Törn um.

Auch der nun losgerissene Schwenkkiel, eine verwegene Konstruktion, die unter Wasser seitlich ausgeklappt werden kann, wurde von ihm modernisiert. Das aber soll nicht ausschlaggebend für den Bruch sein, der jetzt alle Träume auf eine Vollendung der legendären Ozeanrallye zunichte macht.

„Ich sitze manchmal einfach da und muss losheulen“, sagte Sedlacek gestern. Zuletzt hatte der ehemalige Wiener Tramführer, der als Schlusslicht seinen 19 Konkurrenten hinterherfuhr, immer mehr Boden gutgemacht. Die Strategie schien aufzugehen, das eigene Material zu schonen und auf Ausfälle der Mitstreiter zu setzen. Nun muss Sedlacek zittern, selbst heil in Südafrika anzukommen.

„Zum Glück haben wir ruhiges Wetter, selbst die sanfte Dünung lässt den ganzen Rumpf unter den Kielschlägen erzittern.“ Jeden Augenblick kann der Kiel, der etwa ein Drittel des Bootsgewichts ausmacht, ganz abfallen, ein Loch in die dünne Außenhaut reißen und das Boot binnen Sekunden seiner Stabilität berauben. Norbert Sedlacek habe sich auf diesen Fall vorbereitet, erklärte seine Frau gegenüber dem Tagesspiegel. Die Seenotkisten seien gepackt, um die „Brother“ sofort zu verlassen und nicht im Inneren eingeschlossen zu werden. Auch die südafrikanische Küstenwache sei informiert. Allerdings können von Pretoria aus im Notfall nur Herkules-Maschinen zu dem Segler vordringen. Die Distanz ist für Hubschrauber zu groß, so dass Sedlacek in den Weiten des Südatlantiks zwar aufgespürt, aber nicht aus der Luft gerettet werden kann.

Unterdessen häufen sich auch bei anderen Vendée-Globe-Teilnehmern nach einem Viertel der Strecke die Probleme. Die „UUDS“ musste das Rennen bereits aufgeben, nachdem ihr in schwerer See eines der Doppelruder abgerissen war. Kurz darauf unterrichtete auch der britische Skipper Alex Thomson („Hugo Boss“) die Rennleitung von seinem Rückzug. Ihm hatte der Sturm ein großes Loch ins Deck gerissen, das er aus eigener Kraft nicht reparieren konnte. Sein Landsmann Conrad Humphreys („Hellemoto“) steuert ebenfalls das Kap der Guten Hoffnung an. Dort will er in einer geschützten Bucht ein defektes Ruderblatt auswechseln. Das Reglement verbietet den Einhandseglern, fremde Hilfe anzunehmen.

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