Welt : „Ich verkrieche mich nicht in Trauer“

Die Freundin des getöteten „Focus“-Reporters Christian Liebig hat eine Stiftung gegründet – sie will in Afrika helfen

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Sie sind Vorstandsvorsitzende der „Christian- Liebig-Stiftung“. Die Hilfsorganisation ist nach dem im Irak getöteten „Focus“-Reporter benannt – Ihrem Lebensgefährten. Warum haben Sie die Stiftung gegründet?

Christian hat sich mit seinen Eltern, Freunden und mit mir häufig darüber unterhalten, wie man in Entwicklungsländern Hilfe zur Selbsthilfe leisten könnte. Nach seinem Tod haben wir dann beschlossen, eine Stiftung ins Leben zu rufen – um seine Ideen umzusetzen. Die Gründung einer Schule in Malawi, im Südosten Afrikas, ist unser erstes Hilfsprojekt.

Gab es auch Überlegungen, eine Schule im Irak zu gründen?

Nein. Christians Herz hing an Afrika und den Problemen dort.

Warum setzt die Stiftung keinen journalistischen Schwerpunkt, zum Beispiel bei der Förderung der Pressefreiheit?

Die Idee von Bildung steht dem Journalismus ja nicht entgegen. Wissend um die Ideen von Christian, war uns die Gründung einer Schule näher.

Hat Ihnen die Stiftungsgründung geholfen, seinen Tod zu verarbeiten?

Verarbeitet ist das noch lange nicht… Aber durch die Stiftungsarbeit muss ich viel stärker funktionieren. Ich habe nicht die Gelegenheit, mich in Trauer zu verkriechen und irgendwo heulend zu sitzen. Ich muss präsent sein. Das braucht Energie, gibt aber auch Energie.

Am Mittwochabend sind Sie auch Gast bei Kerner. Es muss doch anstrengend sein, öffentlich über den Tod von Christian Liebig zu sprechen?

Sicher ist sein Tod jetzt wieder präsenter und dadurch geht es mir auch schlechter. Aber ich bin glücklich darüber, dass ich die Chance habe, die Arbeit der Stiftung zu begleiten. Viele meinten, durch die fehlende Anonymität wäre keine persönliche Trauer mehr möglich. Aber mir hat das kollektive Trauern um meinen Lebensgefährten sehr geholfen. Man hat gesehen, dass Christian etwas für uns alle getan hat. Er war ja nicht zu seinem Privatvergnügen im Irak – er hat uns alle von dort aus informiert.

War Ihnen bewusst, welches Risiko er mit derArbeit im Irak einging?

Dass Christian ein sehr besonnener Mensch war und nicht aus falsch verstandenem Männlichkeitswahn der Gefahr nachgerannt ist, hat mich schon beruhigt. Aber ich hatte natürlich Angst um ihn. Seine Arbeit im Irak war kein Ferienlager, auch wenn er es mir gegenüber so verkaufen wollte. An dem Tag, als die Rakete im Lager einschlug und ihn tötete, war er aus Vorsicht nicht mit nach Bagdad gefahren …

Haben Sie versucht, ihn davon abzuhalten, in den Irak zu gehen?

Das war nicht möglich. Er hat mit mir erst darüber gesprochen, als er die Akkreditierung bereits in der Tasche hatte. Wenn man sein Gesicht gesehen hat, wurde klar, dass in dieser Frage kein Nein möglich war. Zu diesem Zeitpunkt herrschte bei ihm absolute Kompromisslosigkeit – obwohl das sonst kein Wesenszug von ihm war.

Verfolgen Sie die aktuelle Berichterstattung über die Anschläge im Irak?

Ich bin zum Nachrichtenverweigerer geworden. Aber die Anwesenheit von Journalisten in Krisengebieten ist nötig – auch, um Menschenrechtsverletzungen vorzubeugen. Vielleicht müssten die Reporter in solchen Gebieten besser gekennzeichnet sein, damit sie nicht mit Soldaten verwechselt werden.

Das Gespräch führte Maren Klotz.

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