Welt : Ich will so jobben, wie ich bin

Sie hat wenig Geld, viele Ideen und einen Plan: die digitale Boheme

Rüdiger Suchsland

Wir kennen sie alle, aus den Cafés am späten Vormittag beim Frühstück oder am frühen Abend bei der Arbeit. Ihr Werkzeug ist der Laptop, ihre Dienstkleidung sind modische Turnschuhe, ihr Arbeitsplatz die Küche zu Hause oder eine Bar mit W-Lan-Anschluss und nicht zu lauter Musik. Sie sind jung, kommen finanziell gerade über die Runden, eine Festanstellung liegt in weiter Ferne, und nicht nur ihre Zukunft ist unterversichert. So kann man es sehen. Man kann alles aber auch ganz anders betrachten: Nicht als Pop- und Akademiker-Version der Unterschicht, sondern als Avantgarde einer neuen Lebensform: Freie, glückliche Menschen zwischen 25 und 40, die keinen Chef haben, der sie knechtet und sich keine Depressionen einreden lassen vom dauernden deutschen Krisengerede. Alles nur eine Frage der Betrachtungsweise? Oder gibt es tatsächlich einen neuen Trend, die neue Klasse der „Digitalen Boheme“?

Holm Friebe ist einer von ihnen. Der gelernte Volkswirt, der die „Zentrale Intelligenzagentur“ betreibt, eine Art Büro für Trendforschung und Zeitdiagnose, in der auch Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig Mitglied ist, hat ein Buch über die Digitale Boheme geschrieben, mit Coautor Sascha Lobo, einem Werbetexter, bekannt durch den viel besuchten Webblog „Riesenmaschine“. Friebe erklärt diese neue Boheme so: „Das sind Menschen, die mithilfe des Internets so arbeiten, wie sie leben wollen.“ So heißt ihr Buch auch: „Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“. Darin verknüpfen die beiden Beobachtungen der Arbeits- und Lebensverhältnisse des gegenwärtigen Post-New-Economy-Booms mit soziologischen Befunden und den Möglichkeiten durch Internet und Digitalisierung. Das Ergebnis: Es gibt eine neue gesellschaftliche Gruppe, die aufs Angestelltendasein pfeift. Die aus dem, was sie sowieso gerne tut, einen Beruf macht. Diese „digitale Boheme“ habe den eigentlich bedrohlichen Arbeitsplatzkiller Nummer eins, die Digitalisierung „soweit umarmt, dass sich daraus ein bisschen Geld verdienen lässt“, heißt es im Buch, „noch nicht viel, aber die Richtung stimmt schon“. Es seien längst nicht nur Webtechniker, sondern Menschen, die sich über das Internet einen weltweiten Markt und über Webblogs ein weltweites Publikum erschließen, um ihre Kreationen zu vertreiben. Zumindest mittelfristig lässt sich dies auch in bare Einkommen ummünzen. Natürlich steckt hinter der schmissigen These auch eine gehörige Portion Marketing und wohl auch viel Selbstbeschreibung der Autoren, doch enthält das Buch mehr als nur ein paar flott geschriebene Gedanken vom Stammtisch arbeitsloser Akademiker. Erster Befund: Selbstständigkeit ist kein Umweg zum eigentlichen Berufsziel, endlich angestellt zu werden. Und es ist kein Privileg einiger Hochgebildeter, sondern Chance und eine „echte Alternative für eine breite Masse von Menschen.“ Aber nur knapp zehn Prozent aller Arbeitenden in Deutschland sind selbstständig. Das kontern die Autoren mit einem zweiten Befund: Angestellten geht es auch nicht besser. Heute erodieren die alten Institutionen des Staates, der sozialen Marktwirtschaft und der traditionellen Familie im Sturm von Globalisierung und Individualisierung. Deshalb lebt man als Angestellter genauso unsicher, aber weniger glücklich als ein Selbstständiger. Das vielleicht etwas höhere Gehalt, so die Autoren, sei allenfalls ein „Schmerzensgeld“ für das „frei flottierende Unbehagen“ und wunschlose Unglück im Angestelltenalltag, „eine Unsicherheit, die als Alternativlosigkeit daherkommt.“

Dritter Befund: Wo Rechtskonservative gegen „Hedonismus“ wettern und das Hohelied einer „neuen Bürgerlichkeit“ singen, die Gesellschaft mit traditionellen Werten und neuer Strenge disziplinieren wollen, sei das Gegenteil richtig. Weil Kompromisse und Anpassung an soziale Zwänge nur Alternativen ausblenden würden, und weder Arbeitsplätze schaffen, noch Kreativität freisetzen würden, verteidigen Friebe und Lobo das Arbeiten nach dem Lustprinzip: Die digitale Boheme „bezieht die Individualisierung nicht nur auf den Konsum und die Freizeit, sondern endlich auch auf die Arbeit“.

Als Plädoyer für Neoliberalismus und Abbau sozialer Sicherheiten möchten die Autoren ihre Thesen allerdings nicht verstanden wissen. „Wir zahlen gern 50 Prozent Steuern“, sie wollen, dass ein starker Staat „seine Rolle wahrnimmt, etwa im Bildungsbereich“. Ihr Buch soll dagegen zeigen, dass es Berufsalternativen „jenseits von Prekariat und Einzelkämpfertum“ gibt. Und der Geschenktipp der beiden, für wen dieses Buch etwas ist, lautet: „Man kann es seinen Eltern schenken, wenn die schon immer mal kapieren wollten, was man da eigentlich den ganzen Tag macht. Man nennt es Arbeit.“

Holm Friebe & Sascha Lobo: „Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“; Heyne, München 2006, 17,95 Euro.

www.zentrale-intelligenz-agentur.de

www.wirnennenesarbeit.de

www.riesenmaschine.de

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