Welt : Ihm gegenüber

Der Ex-IWF-Chef Strauss-Kahn und das mutmaßliche Opfer Tristane Banon trafen sich bei der Polizei

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Was ist an dem Abend im Februar 2003 wirklich in der unbewohnten Wohnung passiert, in der Dominique Strauss-Kahn, bis vor kurzem noch Direktor des Internationalen Währungsfonds, die junge Journalistin und Schriftstellerin Tristane Banon zu einem Interview empfing? War es eine versuchte Vergewaltigung, wie die heute 32-jährige Autorin behauptet? Oder war es eine bloße Annäherung, ein „Versuch, sie zu küssen“, den er abgebrochen habe, wie es der 62-jährige sozialistische Politiker kürzlich bei seiner Einvernahme durch die Polizei darstellte? Auch nach der Gegenüberstellung von StraussKahn und Banon, zu der es am Donnerstag kam, dürfte der mehr als acht Jahre zurückliegende Fall für die Ermittler nicht klarer geworden sein.

Zu der Gegenüberstellung, die im Auftrag der Pariser Staatsanwaltschaft von zwei hohen Beamten der Kriminalpolizei geführt wurde, waren Strauss-Kahn und Banon ohne ihre Anwälte erschienen. Über den Verlauf wurde zunächst nichts bekannt. Am Ende der über zwei Stunden langen Konfrontation erklärte StraussKahns Anwalt Henri Leclerc den vor dem Gebäude der Kripo im 13. Arrondissement wartenden Reportern lediglich, beide seien bei ihrer Version geblieben. Und auf die Frage, ob sich sein Mandant bei Banon für sein Verhalten entschuldigt habe, sagte er: „Dazu hatte er keinen Grund.“ Strauss-Kahn selbst war in diesem Moment schon, ohne ein Wort zu verlieren, in einer dunklen Limousine davongefahren. Und auch von Banon war nichts zu erfahren. Sie war durch einen Hinterausgang verschwunden.

Banon hielt dem ehemaligen IWF-Chef aber am Abend im TV-Sender TF 1 Arroganz und Gleichgültigkeit vor. Mehr denn je scheint sie entschlossen zu sein, ihren juristischen Kampf auch auf dem Schlachtfeld der Medien zu führen. Dort hatte sie ihn auch begonnen, als sie 2007 im Fernsehen erstmals von ihrem Erlebnis mit Strauss-Kahn berichtete. Wie ein „brünftiger Schimpanse“ habe Strauss-Kahn sie damals angefallen, ihr den Finger in den Mund gesteckt, und seine Hand in ihr Höschen geschoben. Sie habe sich ihm nur mit letzter Kraft entziehen können. Aus Angst, dass man ihr nicht glauben würde, hatte sie lange Zeit von einer Klage abgesehen. Das holte sie Anfang Juli nach.

Sie war es, die auf der Gegenüberstellung bestand. „Ich will, dass er mir ins Gesicht sagt, dass das, was ich behaupte, erfunden ist“, erklärte sie.

Laut Experten gibt es jetzt zwei Möglichkeiten. Sieht die Justiz den Verdacht einer versuchten Vergewaltigung als gegeben an, ist das Verbrechen nicht verjährt und würde verfolgt. Eine weniger schwer wiegende sogenannte „sexuelle Aggression“ wäre dagegen verjährt – nach drei Jahren. Damit würde sich Tristane Banon nicht abfinden. Sie würde in dem Fall eine neue Klage einreichen, eine Zivilklage, die dann von einem Untersuchungsrichter aufgenommen werden würde.

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