Welt : Ihr letztes Lebenszeichen war ein „Uh…“

Nach der Explosion der Raumfähre Columbia trauert die Welt um die sieben getöteten Astronauten

Malte Lehming[Washington]

Auch eine Bleistift-Zeichnung war mit an Bord. Die hatte Ilan Ramon mitgebracht, der Israeli. Die Zeichnung heißt „Mondlandschaft". Aber in Wahrheit ist darauf die Erde zu sehen, wie sie einem Menschen erscheinen könnte, der auf dem Mond steht. Es ist eine Phantasie-Zeichnung, angefertigt von einem 14-jährigen Jungen namens Peter Ginz. Der Junge war von den Nazis in ein Konzentrationslager gesteckt und 1944 umgebracht worden. Kurz vor seinem Tode malte Peter Ginz seine „Mondlandschaft". Der Astronaut Ramon, der Sohn einer Auschwitz-Überlebenden, hat dieses Bild stets bei sich getragen. Nun sind auch Ramon und die sechs amerikanischen Besatzungs-Mitglieder der Raumfähre Columbia tot, die am Sonnabend über dem Bundesstaat Texas abstürzte. Eine Viertelstunde vor ihrer Landung auf dem Weltraumbahnhof Cape Canaveral ist sie explodiert, zerborsten, auseinandergebrochen, verglüht. Der Funkkontakt endete mit folgenden Worten: Kontrollzentrum: „Columbia, Houston, wir sehen eure Reifendruck-Meldungen und wir haben die letzten nicht kopiert.“ Columbia: „Verstanden, uh, …“

Was genau geschah, ist unklar. Ein Terroranschlag sei „höchst unwahrscheinlich", sagte ein Regierungsbeamter. Als die US-Weltraumbehörde Nasa um Punkt neun Uhr morgens den Funkkontakt zur Columbia verlor, befand sie sich auf einer Höhe von rund 62000 Metern und flog mit einer Geschwindigkeit von etwa 20000 km/h, das entspricht der sechsfachen Schallgeschwindigkeit. Keine Boden-Luft-Rakete kann solche Distanzen überwinden.

Auf allen US-Nachrichtensendern sind in diesen Morgenstunden dieselben Bilder zu sehen. Weil sich das Shuttle im Landeanflug auf seine Station in Florida befand, waren örtliche Kameras zum Zeitpunkt des Unglücks bereits in Stellung gebracht worden.

Offenbar brennend rauscht die Raumfähre in Richtung Erde. Durch Explosionen splittern Teile ab. Mehrere lange, weiße Streifen zieht der Ball hinter sich her. Das alles verfolgen auch die Ingenieure im Kontrollzentrum der Nasa in Houston. Fassungslos pendeln ihre Blicke zwischen Fernsehen und Computer-Bildschirm hin und her.

Im Fernsehen werden per Telefon die ersten Augen- und Ohrenzeugen des Dramas zugeschaltet. Einige berichten von einem „lauten Knall". Helle Objekte sollen über den Himmel gerast sein, ein „Feuerball". Bei anderen hat das Haus gewackelt. „Es war, als ob eine Eisenbahn durch deinen Garten rauscht.“ Die Nasa ruft umgehend den Alarmzustand aus und warnt die Bevölkerung vor möglicherweise giftigen Trümmerteilen. „Bloß nichts anfassen, melden Sie jeden Fund der Polizei!“ In den Städten Dallas und Fort Worth werden Rettungsteams zusammengetrommelt, Mannschaften suchen nach Trümmern.

Am vergangenen Dienstag erst hatte die Besatzung der Columbia im Weltraum eine Gedenkminute eingelegt. Es war der 17. Jahrestag des Challenger-Absturzes. Am 28. Januar 1986 war nur 73 Sekunden nach ihrem Start die Raumfähre Challenger explodiert.

Auch damals starben alle sieben Besatzungsmitglieder, darunter die Lehrerin Christa McAuliffe. Fast auf den Tag genau, am 27. Januar 1967, waren außerdem die ersten US-Astronauten überhaupt ums Leben gekommen. Bei einem Test zum Abflug der ersten Apollo-Mission geriet die Kapsel in Brand. Die drei Piloten starben. Beide Tragödien trennten 19 Jahre und nur ein einziger Tag. Nach 17 Jahren und exakt vier Tagen ereignet sich die dritte große Katastrophe in der Geschichte der US-Raumfahrt.

„Wir gedenken heute der Mannschaften der Apollo 1 und der Challenger", sagte am vergangenen Dienstag Rick Husband, der Kommandeur der Columbia. „Sie haben ihr Leben geopfert für ihr Land und für die Menschheit.“ Und während die Astronauten auf der Columbia am vergangenen Dienstag um Punkt 11 Uhr 39 ihre Arbeit unterbrachen, wurden die Fahnen im Johnson Space Center in Houston auf Halbmast geflaggt. Zehn Mal, für jeden der zehn getöteten Astronauten, erklang ein Glockenschlag.

Unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen war die Columbia am Donnerstag, dem 16. Januar, gestartet. Es war die erste reine Forschungsmission der Nasa seit drei Jahren. Bakterien, Würmer und Ratten waren als Versuchstiere an Bord. Aus deutschen Labors stammten Fische und Wasserschnecken. An den 80 Experimenten beteiligte sich auch die Europäische Weltraumagentur Esa. Im Vordergurnd standen medizinische Studien, aber auch die Klimaforschung. „Wir führen diese Versuche zum Wohle der Menschheit durch", hatte Ramon, der erste Israeli im All, gesagt – und dann ergänzt: „Zum Wohle der gesamten Menschheit, unabhängig von allen Grenzen. Für uns Astronauten gibt es nur einen Globus.“ Ursprünglich hätte die Columbia schon im Juli 2001 starten sollen. Doch immer wieder wurde der Abflug verschoben. Erst gab es technische Probleme, dann viele Änderungen in der Nasa-Priorität zu Gunsten von Flügen zur Raumstation ISS. Bei idealen Bedingungen brach die Columbia schließlich auf. Nur zwei der sieben Crew-Mitglieder verfügten über Weltraumerfahrung, Kommandeur Husband und die 41-jährige Inderin Kalpana Chawla, die 1980 in die USA eingewandert war, die Staatsbürgerschaft erhielt und vor fünf Jahren den ersten Roboterarm auf einem Shuttle-Flug bediente. Ein Jahr zuvor jedoch hatte Chawla bei einem Flug gravierende Fehler gemacht. War die Columbia zu hoch geflogen, waren die Astronauten unerfahren? In den Stunden nach der Katastrophe überschlugen sich die Gerüchte.

Noch immer ragt der Absturz einer Raumfähre aus den Katastrophen der Welt hinaus. Woran liegt das? Sieben Menschen sterben auf Brandenburgs Straßen an vielen Wochenenden. Aber die Raumfahrt umgibt ein anderes Faszinosum als der Straßenverkehr. George W. Bush, der zum Zeitpunkt der Columbia-Katastrophe auf seinem Landsitz in Camp David war und gegen Mittag zu Krisengesprächen ins Weiße Haus zurückkehrte, standen bei seiner kurzen, ergreifenden Ansprache die Tränen in die Augen. Er zitierte aus der Bibel, kondolierte den Angehörigen. Die ganze Nation ist erschüttert, aufgewühlt, traurig. Ähnliche Gefühle werden aus der kleinen indischen Stadt Karnal berichtet, aus der Kalpana Chawla stammt. 300 Kinder aus der Schule von Chawla wollten am Abend zu Ehren ihrer Heldin singen und tanzen. „Jetzt sitzen sie seit Stunden da und verstehen die Welt nicht mehr", sagt der Schuldirektor.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben