Welt : "Im Anfang war": Heiliges Gemetzel

Thomas Kraft

Wussten Sie, dass Esther die erste Miss Persien war, dass Oasen früher als Sündenhalden galten und abgeschnippelte Vorhäute in der Zeitrechnung vor Christus ein überaus beliebtes Hochzeitsgeschenk waren? Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, dass die Psychoanalyse nicht mit Freud, sondern bereits mit Josefs Traumdeutungen begonnen haben könnte, und dass Moses im Grunde zum ersten Extrembergsteiger werden musste, um mit Gott ein Pläuschchen halten zu können?

Oder haben Sie sich einmal gefragt, warum Eva so dämlich war, den Verlockungen eines Reptils zu folgen und damit ihre Unsterblichkeit zu verspielen? Oder warum Gott die Sintflut - im übrigen den ersten geplanten Völkermord der Menschheitsgeschichte - eingesetzt hat, um alles Kreatürliche zu beseitigen und dabei offenbar die Fische und Amphibien übersehen hat? Nein, haben sie nicht? Das macht gar nichts, denn es gibt nun ein Buch, das all diese Mysterien ernst nimmt und anspricht.

Anne Weber hat es geschrieben, nach einem schönen Band mit Kurzprosa ("Ida erfindet das Schießpulver", 1999) hat sie sich durch das Buch der Bücher, die Bibel, gelesen und ist dabei zu höchst interessanten und kurzweiligen Interpretationen gelangt. Weber nähert sich der Genesis mit feiner Ironie und listig-naiver Neugierde, sie komprimiert und überspitzt, stellt letzte Fragen und entlarvt die Schöpfungsgeschichte als höchst fehlerhaftes und widersprüchliches Konzept eines sehr irdischen Gott.

Der ist vergesslich, eitel, ewig unzufrieden mit seinen Kreationen und benutzt die Menschen nur als Handlanger, um seinen guten Ruf als Familienvater nicht zu verlieren. Gott ist unentbehrlich, ohne ihn läuft gar nichts. Webers Exegese zeigt, dass Gott als ziemlich dikatorischer Arbeitgeber gilt, der sich schon nach sechs Tagen ausruhen will, während für die Menschheit die ganze Sache Woche für Woche durchzustehen ist. Er hält alle ziemlich auf Trab, lässt Brot und Buchstaben regnen, plaudert klatschsüchtig seine neuesten Prophezeihungen aus und "benutzt mit Vorliebe die Schwachen, um seine eigene Macht zu demonstrieren".

Respektlos geht Anne Weber den Dingen auf den Grund und fragt, jenseits von poetischer Überhöhung und religiöser Symbolik, wie man sich das eigentlich alles vorzustellen hat. Angesichts des heiligen Gemetzels, bei dem ständig irgendwelche Hände und Köpfe abgesäbelt wurden, angesichts von Orgien und sonstigen Vergnügungen erscheint die Heilige Schrift, auf ihre konkreten Geschichten reduziert, als moralisch eher zweifelhafte Angelegenheit. Doch das ist kein frivoles oder gotteslästerliches Spiel, das die Autorin hier betreibt, sie nimmt nur alles, was geschrieben steht, sehr wörtlich und denkt es konsequent weiter.

Dass dann zuweilen der Eindruck einer Pleiten, Pech & Pannenserie entstehen mag, liegt in der Natur der Sache. Schließlich ist nur der Schöpfungsgedanke vollkommen, die Menschen sind es sicher nicht: Deren "Narzissmus sollte sich spätestens an dem Tag rächen, als der Mensch sich zum ersten Mal aufmerksam im Spiegel beäugte und aus dem, was er sah, einige für den Schöpfer wenig schmeichelhafte Schlüsse zog." So wie in diesem Fall bleiben die göttlichen Entschlüsse doch unergründlich. Äußerst anregend und amüsant ist dieses Buch, nicht nur für Philister und Pharisäer, Gottesfürchtige und Bibelfeste.

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