Im Banne Harry Potters : J. K. Rowling liest auf YouTube aus ihrem neuen Buch

Ihr neues Buch „Ein plötzlicher Todesfall“ löste zwar nicht den erwarteten Ansturm in den Buchläden aus. Aber es gibt eine Menge Online-Bestellungen. Uwe Tellkamp findet, J. K. Rowling solle den Literaturnobelpreis bekommen.

Simone Schelk
So tun als ob. Wegen fehlender Käufer haben Pressefotografen in einer Londoner Buchhandlung diese Ladenangestellte gebeten, sich ihren Mantel anzuziehen und als Leserin zu posieren.
So tun als ob. Wegen fehlender Käufer haben Pressefotografen in einer Londoner Buchhandlung diese Ladenangestellte gebeten, sich...Foto: Reuters

Weder vor Buchhandlungen in Großbritannien noch in Deutschland standen Leser Schlange, um das neue Werk von Joanne K. Rowling druckfrisch zu ergattern. Der große Ansturm ist ausgeblieben. In den Amazon-Charts in den USA liegt „Ein plötzlicher Todesfall“ allerdings schon auf Platz eins. In Deutschland rangiert er noch auf dem vierten Platz, hinter den ersten drei Bänden des Sadomaso-Erotikbestsellers „Shades of Grey“. Mit weltweit einer Million vorab bestellter Exemplare ist das Werk trotzdem bereits jetzt ein Bestseller.

Am Donnerstagabend wurde um 20 Uhr 30 eine Lesung von J. K. Rowling auf Youtube veröffentlicht.

Wochenlang war über den Inhalt des ersten Erwachsenenromans der britischen Bestsellerautorin spekuliert worden, was die Verkaufserwartungen anheizte. Übersetzer wurden mit strikten Geheimhaltungsvorschriften belegt und durften nur in den Räumen des Londoner Verlags arbeiten. Die Laptops seien mit dreifachen Codewörtern gesichert und mit einem Sicherheitsschloss am Schreibtisch angekettet gewesen, erzählten die beiden deutschen Übersetzer. Buchhandlungen erhielten die Lieferung in verplombten Kartons. „Wir hatten sogar eine Auflage, die Folien der Bücher nicht vor 9 Uhr zu öffnen. Pro geöffnetem Buch hätten wir 1000 Euro Strafe zahlen müssen“, sagt Julia Sander vom Düsseldorfer Buchhaus Stern-Verlag.

Nur wenige ausgesuchte Kritiker hatten ein Vorabexemplar zur Besprechung erhalten. Die ersten Einschätzungen der Literaturexperten fielen gemischt aus. Das US-Magazin „New Yorker“ schrieb, es werde sich „sicherlich verkaufen, und mancher wird es mögen“. Der Roman sei „manchmal lustig, oft erstaunlich gut beobachtet und voller Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit“, schrieb Allison Pearson im britischen „Daily Telegraph“. Unter Anspielung auf explizite Sex- und Drogenszenen fügte sie hinzu, sie werde wie tausende andere Eltern auch in den kommenden Tagen verhindern müssen, dass ihre Kinder dieses Buch lesen. Aus diesem Grund verriss der „Daily Mirror“ das Buch als „Harry Potter und der Kelch des Schmutzes“ und empörte sich über „hundertfach“ benutzte vulgäre Ausdrücke. Der Kritiker des „Independent“ lobte einerseits ein „Lied der Freiheit“, störte sich aber an „plumpen satirischen Versatzstücken“.

Die Rezensentin der „Times“ wiederum befand, das Buch basiere auf der „Vorstellung des Romans als Kraft des gesellschaftlichen Guten“, sei aber möglicherweise „ein kleines bisschen langweilig“. Ob langweilig oder lustig – die Buchhändler setzen auf den „Rowling-Faktor“, dass der Autorenname die Verkaufszahlen nach oben treibt. Der Carlsen-Verlag in Deutschland ließ zunächst 500 000 Exemplare drucken, hofft aber auf doppelt so viele Käufer. Carlsen-Verleger Joachim Kaufmann sagte der „Wirtschaftswoche“, er rechne damit, dass „Ein plötzlicher Todesfall“ dem Haus einen zusätzlichen Umsatz von zehn Millionen Euro bescheren werde.

„Wir erwarten, dass der Titel einer der stärksten in diesem Herbst wird“, sagte ein Hugendubel-Sprecher. Ähnlich hoch sind die Erwartungen in Großbritannien. Dort wurden Wetten darauf abgeschlossen, dass „The Casual Vacancy“, so der Originaltitel, schon am ersten Tag mehr als 2,6 Millionen Mal verkauft wird. Dann hätte das Buch den siebten und letzten Harry-Potter-Band geschlagen.

Doch bislang ist eine Manie wie bei Harry Potter nicht einmal ansatzweise in Sicht. In Berlin gab man sich von Anfang an realistisch. „Mit Zuständen wie bei Harry Potter haben wir nicht gerechnet“, sagte Jacqueline Masuck, Verkäuferin in der Belletristikabteilung des Kulturkaufhauses Dussmann. Auch bei der Thalia-Buchhandlung im Gesundbrunnen-Center hieß es: „Es wird losgehen, aber nicht so wie bei Harry Potter“, meinte Detlef Bahr vom Georg-Büchner-Buchladen am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Die Autorin Joanne K. Rowling wurde durch die Erfindung ihres Zauberschülers zur Multimillionärin und zur bestbezahlten Autorin der Gegenwart. Weltweit verkaufte sie 450 Millionen Exemplare der sieben Harry-Potter-Bücher, die in 65 Sprachen übersetzt wurden.

„Was sie geleistet hat für die Literatur, das Lesen, die Kinder, das ist unglaublich“, sagt der Schriftsteller Uwe Tellkamp. Er würde Rowling ohne Weiteres den Nobelpreis verleihen – nicht nur, weil er selbst ein großer Harry-Potter-Fan ist, sondern weil sie „die erste unzweifelhaft bleibende literarische Leistung unserer Zeit“ erbracht habe. Doch Rowling sagte der BBC, sie sei „fertig“ mit Harry Potter – es sei denn, ihr komme noch eine „fabelhafte Idee“. Darüber würden sich auch die Buchhändler freuen. mit dpa/AFP

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