Welt : Im Bett mit Bush

NAME

Von Sassan Niasseri

Ein politischer Videoclip mit sexuellen Anspielungen erregt die Gemüter in den USA. Es ist ein Animationsfilmchen zu dem neuen Song „Shoot the Dog“, mit dem der englische Popstar George Michael wieder ganz groß rauskommen möchte. Kritiker sehen darin eine Beleidigung des Gedenkens an den 11. September. Andere sehen darin nur eine Provokation, mit der der Sänger nach langen Jahren der Abwesenheit wieder ganz nach oben kommen will.

Nach dem Skandal um den Musik-Clip, der am 12. August in Deutschland auch als Single veröffentlicht wird, hat George Michael jüngst in einer britischen Talksendung angekündigt, nicht mehr in seine Wahlheimat USA zurückzukehren. Der britische Popsänger fürchtet – das behauptet er jedenfalls –, dort einem Attentat patriotischer Amerikaner zum Opfer zu fallen. Der 39-jährige Michael beklagte, dass eine Welle der Empörung die US-Medien erfasst habe. Auf seiner Website dokumentiert er das alles ausführlich, fast so, als dürfte es seiner Meinung nach ruhig noch ein wenig mehr sein. Die Presse laufe jetzt Sturm gegen den Sänger, heißt es dort fast begeistert. „Der New York Post“ zufolge ist Michael anti-amerikanisch eingestellt und schade dem Ansehen des westlichen Anti-Terror-Bündnisses. Song-Zeilen, in denen Michael offensichtlich einen Demokratieschwund nach dem 11. September beklagt, erregen die Gemüter.

Der Sänger braucht dringend Publicity

Besonders hart, so erwiderte Michael, treffe ihn dabei der indirekt geäußerte Vorwurf, er sei ein Sympathisant der Terror-Organisation Al-Qaida und ihres Chefs Osama bin Laden. Der Gipfel: Eine Artikelüberschrift der „Post“, in der Michael als „Verunglimpfer des 11. September“ bezeichnet wird. Auffallend ist, dass die „Post“ bislang die einzige Zeitung ist, die Michael wirklich angreift. Alle anderen US-Zeitungen und -Medien berichten eher nüchtern über das Thema. Vielleicht wollen sie nicht auf die Provokation George Michaels hereinfallen.

In dem Comic-Clip karikiert George Michael auf groteske Weise das Verhältnis zwischen US-Präsident George Bush und Englands Premierminister Tony Blair. In dem Video wird Blair als Schoßhündchen dargestellt, das brav auf die Stöckchenwürfe seines Herrrchens Bush pariert.

In einer anderen Szene baggert George Michael Blairs Frau Cherie an. Er schlüpft halbnackt aus einem Fernseher und in ihr Bett: „Cherie my dear, could you leave the way clear for sex tonight?“ Später wird aus der Beziehung Tony und Cherie Blair dann eine Menage à Trois: Wie aus dem Nichts taucht Bush zwischen ihnen im Bett auf und präsentiert eine mächtige Erektion, die sich dann als Täuschung entlarvt. Am Ende des Songs zeigen sich Bush und Blair so offensichtlich eng umschlungen, dass es auf den schelmischen Schlusshinweis: „Do you wanna know why?“ nur eine Antwort geben kann. Die beiden sind ein Liebespärchen.

„Was ist nur mit George Michael los“, fragt das deutsche Magazin „Max“ in seiner heutigen Ausgabe. In einem Interview erklärte Michael seine Wandlung zum Polit-Barden.

Offenkundig aber ist: George Michael, einer der erfolgreichsten Popstars aller Zeiten, braucht für seinen Comeback-Versuch dringend Publicity. Da seine Musik nicht viel hergibt, braucht er wohl die Provokation, um die PR-Maschine anzuwerfen.

Der Video-Clip, so Michael, sei vor allem gegen Tony Blair, weniger gegen George Bush gerichtet. Geradezu willenlos nämlich füge sich Blairs Nahost-Politik der amerikanischen Regierung und derem Plan, den internationalen Terrorismus mit einem Krieg gegen Irak bekämpfen zu wollen. Michael äußert die Befürchtung, dass Militäreinsätze im Nahen Osten zu Gegenschlägen in England führen werden. „Shoot the Dog": Damit ist Blair gemeint, der Hund Bushs. Er verteidigt seinen Video-Clip: „Der Song ist eine Politsatire und ich hoffe, dass er die Menschen zum Lachen bringt und danach vielleicht ein wenig zum Nachdenken. Das ist alles". Er sei definitiv kein Anti-Amerikaner und betonte, dass er seit sechs Jahren glücklich mit einem Texaner zusammenlebt. Umso verwunderter sei er deshalb, dass nun ausgerechnet die amerikanischen Medien auf ihn einschlagen, während es in England bis jetzt vergleichsweise ruhig geblieben ist.

Liegt es vielleicht an der britischen Gelassenheit? „Die Briten nehmen ihre Politiker einfach nicht so ernst, wie die Amerikaner das tun“, sagt Mark Blake vom englischen Musikmagazin „Q". Anzügliche Cartoons, in denen die Blairs dargestellt werden, habe es in England vorher auch schon gegeben, ohne dass es zu Protesten kam. „Hier ist alles ruhig. Schlimmer ist doch eigentlich, dass der Song selbst so schlecht ist". Blake verweist darauf, dass George Michael, dessen letzter großer Hit sechs Jahre zurückliegt, eine Provokation mit dazugehörigem Presserummel eigentlich nur recht sein kann und durchaus auch kalkuliert sein könnte.

In seiner Intimsphäre verletzt

George Michael legt nach. Er, der sich in „Shoot the Dog“ als schwuler „Village People“ selbst karikiert, fühlt sich zusätzlich in seiner Intimsphäre verletzt. Die „New York Post“, so zürnte der Sänger, habe die sexuelle Orientierung des Sängers als negativ betont, diese mit den politischen Inhalten des Videos in Beziehung gesetzt und ihn als „Pop-Perversen“ bezeichnet – eine Anspielung auf sein unfreiwilliges Outing 1998, als er auf einer öffentlichen Toilette in Los Angeles mit heruntergelassener Hose erwischt worden war und daraufhin von der Polizei festgenommen wurde. Seit diesem Vorfall liegt auch seine Karriere in den USA brach, denn seine Songs werden dort nicht mehr im Radio gespielt. Nun behauptet Michael zudem, eine gegen ihn gerichtete Presseverschwörung aufgedeckt zu haben. In einem Webchat des Musiksenders MTV greift er den Medien-Mogul Rupert Murdoch an. Er wirft dem konservativen Murdoch vor, gezielt Meinungsmache zu betreiben – mittels der hauseigenen „New York Post“ ebenso wie mit dem Nachrichtensender „Sky News“ und der britischen Boulevardzeitung „The Sun“, die den Sänger schon seit Jahren hart attackiere. Der Grund für die Verleumdungen, so vermutet Michael, seien nicht nur seine offene Homosexualität, sondern vor allem seine Kontakte zu dem auf dem englischen Zeitungsmarkt mit Murdoch konkurrierenden Boulevard-Blatt „The Daily Mirror“, welches sich ungewohnt kritisch mit dem „Anti-Terror-Krieg“ befasst habe. „Nun muss ich also den Preis dafür zahlen, dass ich der Zeitung lange Zeit zur Seite stand“, sagte Michael, der den „Daily Mirror“ in der Vergangenheit wegen seiner „fairen Berichterstattung“ als „mutig“ und „erfrischend“ gelobt hatte.

„Vielleicht wird es Murdoch gelingen, meine Karriere zu zerstören. Kampflos aber werde ich das nicht zulassen“, sagte der Sänger. Und er nennt auch einen Gegenplan: „Ich werde zum präsentesten Popstar dieses Planeten – ich werde auch zu einer Britney Spears mit flachen Brüsten und großer Klappe, wenn es sein muss."

0 Kommentare

Neuester Kommentar