Welt : Im Floskel-Dschungel

Die Broschüre „Politikersprech“ entschlüsselt die Sprache der Abgeordneten

Matthias Meisner

Berlin - Eigentlich, so schreibt die Naturfreundejugend Deutschlands, hat sie Politiker „ganz lieb“. Die Vorbemerkung beschreibt ganz gut die Hassliebe, die den Verband getrieben hat, das Heft „Politikersprech“ herauszugeben, die jungen Leuten Tipps für Diskussionen mit Politikern geben soll. Dass Politiker nicht immer sagen, was sie meinen, hat man sich gedacht. Doch was meinen sie wirklich?

Ansgar Drücker und Simone Rieth versuchen, auf 80 Seiten nicht ohne eine Portion Ironie Antworten zu geben. Sie haben ein Glossar von A wie Abkürzungen bis Z wie „zwingend erforderlich“ erarbeitet. Doch was ist zwingend? „Sachzwänge bittet den Bürger, sich mit etwas abzufinden, was angeblich nicht zu ändern ist“, heißt es – das aber dürfe nicht als Hinderungsgrund für sinnvolle Schritte akzeptiert werden. Auch dem Wort „sollte“ sollte man nicht trauen. Diene es Politikern doch dazu, vage zu bleiben, ähnlich wie „müsste“ oder „könnte“. Auch der von Politikern gern gebrauchte Hinweis „Studien belegen“ ist allein wenig hilfreich: „Eine Binsenweisheit besagt, dass es zu jeder Studie eine gibt, die das Gegenteil aussagt.“ Der Bürger solle nachfragen, wer eine Studie in Auftrag gegeben hat und nicht auf Zahlen vertrauen. Auch die Lieblingswörter der Politiker werden aufs Korn genommen: „Reform“ etwa sei ein „großes Wort für kleine Schritte“.

Dabei ist es gar nicht so, dass die Naturfreundejugend Politiker gar nicht versteht. Die Autoren wissen genau, dass Politiker etwa mit der Formulierung „Bevor ich auf ihre Frage antworte, möchte ich …“ in Wirklichkeit meinen: „Ich will lieber was ganz anderes loswerden.“ Die inoffiziellen Regeln sind klar. Wer als Politiker redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, würde zwar anfangs die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, rasch aber in Fettnäpfchen treten. Und so merkwürdig würden Politiker nur sprechen, weil sie nach eigener Erfahrung so am weitesten kommen. Nur ein Halbsatz könne reichen, um in der Fraktion zum Dissidenten zu werden, erklären die beiden Verbandsfunktionäre. Was dann bei Ankündigungen zu Formulierungen wie „zum nächstmöglichen Zeitpunkt“ führt. Dabei handele es sich dann, böse gesagt, um ein anderes Wort für: nie.

Vorschub für Politikverdrossenheit will die Broschüre nicht leisten, selbst wenn der Titel „Politikersprech“ anspielt auf George Orwells „Neusprech“ im Roman „1984“. Im Gegenteil: Das Heftchen soll ermuntern, sich einzumischen, sich an Abgeordnete oder Minister zu wenden, mit ihnen zu diskutieren. Und es beschreibt, dass Politiker gar nicht so faul sind, wie viele vermuten. Dafür, dass Politiker so reden, wie sie reden, seien auch die Staatsbürger schuld, so die Autoren – weil sie schlagzeilenversessen und auf Personen statt auf die Sache fixiert seien. Der Dschungel der Floskeln wird bleiben – aber mit der Broschüre lässt sich etwas leichter hindurchfinden.

Mehr Informationen im Netz:

www.naturfreundejugend.de

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