Welt : Im Geist der Ekstase

Könige, Stars und sogar Lenin fuhren ihn – der Rolls-Royce wird heute 100 Jahre alt

Rüdiger Suchsland

Zumindest in seiner Heimat regiert der Mythos noch ungebrochen. Wer in der britischen High Society etwas auf sich hält, der muss zu bestimmten Anlässen schon im Rolls-Royce vorfahren. Selbst ein Bentley – auch noch ganz schick – ist im Vergleich zu der traditionsreichen Nobelmarke nur zweite Wahl. Allein die Queen hat angeblich zwölf verschiedene Modelle in ihrer Garage stehen. Heute feiert die Firma Rolls-Royce ihren hundertsten Geburtstag – und kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Die Zukunft des Unternehmens ist indes unsicherer denn je. Aber mag der Glanz auch außerhalb von Großbritannien etwas verblasst sein – noch immer gilt die edle Karosse als Inbegriff von Glamour und Luxus auf vier Rädern, aber auch als Symbol für „merry old England" – ebenso wie Big Ben oder die königliche Garde.

Es ist eine klassische Geschichte aus der Pionierzeit der Technik: Ein Aristokrat, er hatte das Geld, und ein Ingenieur, er hatte die Ideen, stellten im Mai vor hundert Jahren ihre ersten Modelle auf dem Autosalon von Paris vor. Bereits mit ihrem ersten Wagen, dem „Silver Ghost", erfüllten sie 1906 den selbst gesetzten Anspruch, das „beste Auto der Welt" zu bauen. Genau in der Zeit, als in Amerika Henry Ford mit seinem „Modell T" das Auto in einen preiswerten Massenartikel zu verwandeln begann, erfand man im alteuropäischen Empire das Auto noch einmal neu: als ein exklusives, prunkvolles, teures Luxusgut. Fertigung in Handarbeit und edle Bauteile sollten „den Rolls" von allen anderen Automobilen der Epoche absetzen. Aber auch durch Leistung wollte man glänzen: Seinerzeit schier unfassbare 20000 Kilometer legte der „Silver Ghost" bei einer Fahrt zurück – ohne Pause und ohne Panne versteht sich. Seit 1911 tragen alle Autos der Firma auf der Kühlerhaube das weltbekannte Wahrzeichen, eine junge Frau mit ausgebreiteten Flügeln, genannt „The Spirit of Ecstasy".

Kreiert wurde die Figur von dem Künstler Charles Sykes. Er gestaltete ihre Gesichtszüge übrigens, so will es jedenfalls die Firmenlegende, nach dem Vorbild der Sekretärin eines Freundes der Gründer. Später wurde die Figur sogar zum Thema der Wissenschaft: Der bekannte Kunsthistoriker Erwin Panofsky widmete ihr eine elegant-ironische Untersuchung „Über die ideologischen Vorläufer des Rolls-Royce-Kühlers". Seine ganz große Zeit hatte der Rolls-Royce in der Vorkiegszeit – sogar Lenin fuhr im Rolls-Royce durch das nachrevolutionäre Russland – und in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten.

1947 hatte man das berühmte Produktionswerk in Crewe bezogen. „Phantom", „Corniche" und „Silver Shadow" waren viel mehr als Autos, sie waren Herrschaftsinsignien für die neuen Monarchen der Popkultur: Denn nicht nur Könige und Königinnen, auch Filmstars wie Elisabeth Taylor, Marlene Dietrich und in Deutschland Curd Jürgens schmückten sich mit dem „RR" – und in den Swinging Sixties wollten auch die „Beatles" nicht auf einen, natürlich eigens angefertigten, Rolls-Royce verzichten. In der Gegenwart ist es mit solchem Glanz allerdings nicht mehr so weit her: „Rolls-Royce" klingt protzig in Zeiten, wo längst Understatement angesagt ist", meint der Münchner Kulturwissenschaftler Jörg Etzel: „Heute wirkt ein Rolls eher uncool". Zwar garantiere die Marke – Basispreis 320000 Euro – noch Qualität, doch das sei eben nicht alles.

Deutsche Prominente, die sich als Roycefans outen, sucht man vergeblich. Wenn überhaupt, fahren sie eher incognito in einem Rolls-Royce. So wie Stefan Raab, der Gerüchten zufolge gelegentlich mit der Prachtmarke unterwegs ist – aber eben heimlich, versteckt hinter dunklen Scheiben. Und dass Rudolf Mooshammer einen Rolls fährt, bestätigt Etzels Urteil, dass der Rolls-Royce „heute eher das Auto der Aufsteiger" sei, derjenigen, „die nicht ganz dazugehören, aber es gerne täten."

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