Welt : Im Griff der Drogen

Der Sänger der Böhsen Onkelz lag zwei Wochen im künstlichen Koma

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Die neueste Nachricht ist nicht sehr lang, lediglich drei Sätze stehen unter der Rubrik „News“: „Kevin ist aus dem Koma erwacht“, so lautet der zentrale Satz. Mit Kevin ist Kevin Russell gemeint, 42 Jahre alt und Sänger der umstrittenen Rockband Böhse Onkelz.

„Ja, es geht ihm besser“, teilt ein Mitarbeiter des Labels am Telefon mit, alles andere sei bitte der Internetseite zu entnehmen. In einer anderen, ähnlich kurzen Mitteilung steht dort, dass Russell bereits am 12. Januar einen „schlimmen Drogenrückfall“ gehabt habe und „wegen verschiedener Symptome“ ins künstliche Koma versetzt worden sei. Was genau an jenem Donnerstag passiert ist, wird nicht genannt. Am 12. Januar jedenfalls hat Russell Geburtstag gefeiert.

Die Böhsen Onkelz gehören zu den erfolgreichsten deutschen Rockbands aller Zeiten. Sie haben seit den Achtzigerjahren etliche Alben veröffentlicht, ihre Platten standen in den Musikcharts oft ganz vorn. Allein „Viva los Tioz“ verkaufte sich in nur zwei Tagen mehr als 300 000 Mal.

Die Onkelz, wie sie genannt werden, waren Vorband der Rolling Stones auf dem Expo-Gelände in Hannover. Und zu ihrem Abschlusskonzert im vergangenen Sommer kamen immerhin fast 130 000 Fans auf den Lausitzring nach Brandenburg. All das ist aber immer nur die eine Seite, die andere ist die hässliche der Band. Kurz nach der Gründung 1980 wurden die ersten Onkelz-Platten wegen sexistischer und gewaltverherrlichender Texte indiziert, ausländerfeindliche Songs („Türkenpack, Türkenpack, geht zurück nach Ankara …“) machten sie beliebt in der rechten Szene, unter Rockern und Hooligans in Fußballstadien.

Später haben sich die Böhsen Onkelz zwar immer wieder gegen Rechtsradikalismus geäußert, sich für die Opfer rechter Gewalt eingesetzt und Fans, die bei Konzerten den rechten Arm hoben, aus der Halle werfen lassen – ihre Vergangenheit ließ sie aber nicht los.

Kevin Russell, der mit seiner rauchigen Stimme der Band einen markanten Stil gab, galt als eher labil. Er soll in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen sein und litt unter dem Tod eines Freundes der Band, der 1990 erstochen wurde. Bis in die 90er Jahre hat Russell Alkohol und Drogen konsumiert. Kenner der Band mutmaßen, dass Russell nun schwer unter dem Rückzug der Onkelz leide, weil er sich nicht so intensiv anderen Projekten widmen könne wie die anderen Bandmitglieder. Es kursieren allerdings noch viel mehr Gerüchte, in Fußballstadien und in Internetforen, doch das Management will sich dazu nicht äußern. Man habe Russell auch am Montag im Krankenhaus besucht und mit ihm gesprochen. „Er wird gut versorgt“, heißt es beim Label in Frankfurt am Main, „alles andere ist Privatsache“.

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