Welt : Im Haifischbecken der Gefühle

Sechs Millionen Zuschauer sahen „Deutschland sucht den Superstar“ – ein Comeback zum Heulen

Sebastian Handke

Tiere waren Trumpf am Samstagabend. Dieter Bohlen erzählte von Küken, die man ausbrüten muss, von seinem Hund, der echte Emotion zeigt, wenn er mit dem Schwanz wackelt, und von einem Hahn, der glaubte, die Sonne gehe nur auf, wenn er auch kräht. Letzte Woche hatte er einen Kandidaten unter „Welpenschutz“ gestellt. Der aber verließ die Sendung dennoch, weil ihm einer seiner Hasen weggestorben war, wie eine Boulevardzeitung berichtete. Es war der Hase von Stephan Darnstaedt aus Oberschopfheim. In dieser dritten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ („DSDS“) lag es an ihm, die Rolle des Leidenden anzunehmen, der Mitleid und Mutterinstinkte weckt, weil er sich scheinbar nur versehentlich verirrt hatte in Bohlens Haifischbecken. Der hemmungslos weinende Junge, den „Bild“ als „Heulsuse“ auf die Titelseite knallte, ist freiwillig draußen, weil er den Druck, die Anfeindungen und die Buhrufe nicht mehr aushielt.

Bohlen hatte anfangs gesagt, er könne sich vorstellen, dass kleine Mädchen Stephans Platten kaufen, auch wenn er selbst sich Eisbeutel auf die Ohren legen müsse. Möglicherweise hat Bohlen selbst nicht begriffen, dass es bei der Sendung ums Plattenverkaufen gar nicht mehr geht.

Die Musikindustrie hat gar kein Interesse mehr an Castingshows. Sie generieren keine belastungsfähigen Künstler und tragen nur zur Verschlechterung ihres ohnehin nicht guten Images bei. In der Branche, die seit Jahren beispiellose Umsatzeinbrüche hinnehmen muss, wird daher sehr viel weniger gecastet als noch vor einigen Jahren. Man geht wieder raus, sucht nach Bands, die zwar jung sein dürfen, aber doch schon lange zusammen spielen sollen – wie es etwa bei Tokio Hotel, Silbermond oder Juli der Fall ist. Von sich aus würde die Musiksparte von Bertelsmann kaum auf eine weitere Ausgabe des Talentstadls drängen. Wer erinnert sich schon an die vor drei Jahren epidemisch auftretenden Imitationen dieser Show, an „Deutschlands Talente“ (ARD), „Die deutsche Stimme“ (ZDF), „Popstars“ (RTL II), „Popstars – das Duell“ (Pro 7), „Fame Academy“ (RTL II) oder „Star Search“ (Sat1)? Nur Viva hat mit „Shibuya“ noch eine verspielte Variante im Programm. Aber Bertelsmann ist, wie es so schön heißt, ein „integrierter Medienkonzern“, und der zugehörige Sender RTL kann die satten Einnahmen aus den Zuschaueranrufen gut gebrauchen. Sie kaschieren die stagnierenden Werbeumsätze eines stagnierenden ehemaligen Marktführers: 2003, dem ersten Jahr von „DSDS“, machten die Einnahmen aus den Anrufen bereits 15 Prozent des Umsatzes aus. Daran anschließende Plattenverkäufe sind willkommen, aber nicht erforderlich. Dieter Bohlen ist erwünscht wegen seiner bösartigen Sprüche und seines guten Drahtes zu „Bild“, nicht unbedingt als Musikproduzent, und das hat ja auch sein Gutes.

Die überraschend hohen Zuschauerquoten – mit sechs Millionen Zuschauern lag man am Samstag nur wenig unter der Quote von Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ – verdankt RTL wahrscheinlich vor allem dem Engagement von „Bild“. Das Blatt ist wieder voll eingestiegen mit dieser bewährten Mischung aus Mitleid und Häme, die vermutlich auch viele Unterstützer von Stephan Darnstaedt umtrieb. Dieser weinende Junge faszinierte das Publikum als Karikatur dessen, was diese Sendungen unaufhörlich behaupten: dass Masochismus die Einstiegsvoraussetzung fürs Showgeschäft sei.

Nun ist am Samstagabend auch Lena Hanenberg ausgeschieden, die einzig noch verbliebene Heulsuse, da nützte auch Bohlens erneuter Welpenschutz nichts. Bei RTL wird man sich jetzt Sorgen machen. Denn sie wird ein bisschen langweilig, die Show, so ganz ohne Heulsusen.

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