Welt : Im Herzen getroffen

Brunos Tod erregt die Gemüter wie kaum ein anderes Thema. Und treibt teilweise seltsame Blüten

Senta Krasser[München]

Nach dem Abschuss des Braunbären Bruno werden Jäger mit Protestbriefen bis hin zu Morddrohungen überhäuft. „Wir können die Protest- und Drohbriefe nur noch in Zentimetern messen“, sagte ein Sprecher des Landesjagdverbandes Bayern am Dienstag in Feldkirchen bei München. Der Stapel an Reaktionen auf die Erschießung des Bären sei mittlerweile mehr als 20 Zentimeter hoch.

Brunos Tod erregt die Gemüter wie kaum ein anderes Thema. Das Schicksal des Bären hat die Menschen im Herzen berührt. Jetzt, da er tot ist, will niemand es gewesen sein. Der Präsident des Deutschen Jagdschutz-Verbands, Jochen Borchert, legte Wert auf die Feststellung, der Bär sei von einem staatlich beauftragten Sicherheitsteam erlegt worden, nicht von Privatjägern. Die Behörden weigern sich, die Namen des Teams zu nennen.

Die Trauer um Bruno treibt seltsame Blüten. Steiff will ein Steifftier namens Bruno auf den Markt werfen, in limitierter Auflage von 2000 Stück und mit einer schwarzen Schleife als Trauerflor. Der „Münchener Merkur“ veröffentlichte eine Todesanzeige. „Unser Bruno ist tot“, heißt es darin. „Nach seiner wunderbaren Wanderung vom Trentino nach Tirol und Bayern hat Braunbär Bruno Herrn Stoiber zum Stottern, Schnappauf zum Problemminister und alle Tierschützer zur Verzweiflung gebracht. Am Montag wurde Bruno am Spitzingsee hinterrücks erschossen, und mit ihm ist der Glaube daran gestorben, dass unsere Politiker ein Herz für Tiere haben. Bruno – an der Wahlurne rächen wir dich. Statt Kranz- und Blumenspenden: Bitte Protestbriefe und E-Mails an Stoiber, Schnappauf & Konsorten.“

Der Chef des bayerischen Umweltministeriums, Werner Schnappauf, der die Abschussgenehmigung erteilt hat, soll nach Ansicht der SPD zurücktreten. Auch sie nennt ihn „Problemminister“, unter Anspielung auf den früheren kabarettreifen Auftritt von Ministerpräsident Stoiber, als dieser Bruno als „Problembären“ bezeichnete. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Maget kritisierte, dass die Behörden keinen Betäubungsversuch unternommen hätten, obwohl sich das Tier am Wochenende 48 Stunden lang in demselben Gebiet aufgehalten habe. „Kein Mensch wird verstehen, dass man einen Bären, den man schießen kann, nicht auch betäuben kann.“ Präzisionsschützen der Polizei hätten Erfahrung mit dem Betäuben von Wildtieren, „die sich beispielsweise auf der Autobahn aufhalten“, sagte Maget. Stoiber nahm seinen Minister in Schutz. Die Rücktrittsforderungen seien unseriös.

Nun könnte auch ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren drohen. Seit Montag sind bei der Staatsanwaltschaft München I über zehn Strafanzeigen von Privatpersonen per Fax und E-Mail eingegangen; es ist mit weiteren auf dem Postwege zu rechnen. In einigen Anzeigen wird Schnappauf persönlich wegen der Tötung des Bären angezeigt. „Wir prüfen den Sachverhalt“, sagt Eduard Mayer, der stellvertretende Leiter der Münchner Behörde. Bislang sei aber „kein ausdrückliches Ermittlungsverfahren eingeleitet“ worden.

Prüfungsgegenstand sei auch, so Mayer weiter, die Abschussgenehmigung, die Schnappauf erteilte. Ein Vorwurf: Von den beauftragten „jagdkundigen Personen“, die Bruno auflauerten und von denen eine den Bären erschoss, soll mindestens eine keinen Jagdschein besessen haben. Diesen Verdacht brachte die Juristin des Deutschen Tierschutzbundes, Evelyn Ofensberger, zur Sprache. Würde sich dies bewahrheiten, wäre dies eine Ordnungswidrigkeit, die nach dem Tierschutzgesetz mit einer Geldbuße von bis zu 25 000 Euro geahndet werden könne, sagte Ofensberger. (mit dpa und ddp)

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