Welt : Im Luxusauto zum Abiturball

Arme Bulgaren verschulden sich

Sofia - Eine Roma-Band spielt. Jubelnde Abiturienten skandieren die Schulklassen von eins bis zwölf. Überall in Bulgarien die gleichen Szenen zum Schulabschluss. In dem bitterarmen EU-Land ist die Straße vor einem Gymnasium im Zentrum von Sofia zu eng für die vielen Luxusautos. Ungeachtet der Wirtschaftskrise kommen die Jugendlichen mit Limousinen und Jeeps am Abend ihres „Abiturientenballs“ in die Schule. Hat die Familie kein teures Auto, wird ein Wagen der Luxusklasse geliehen oder gemietet. Obwohl in Bulgarien gut ein Fünftel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, ist für seine Abiturienten das Teuerste gerade gut genug. Den 18-Jährigen werden praktisch alle Wünsche erfüllt. Der Abiturient wird unbedingt mit dem größten Auto, im besten Lokal, im neusten Hotel und mit der extravagantesten Mode verwöhnt. Für manche gibt es gar Reisen in die Nachbarländer Türkei und Griechenland.

Die Eltern nehmen enorme Kosten auf sich, obwohl auch sie bald zum Heer der Arbeitslosen zählen könnten. Mütter verraten, dass sie etwa 2000 Lewa (rund 1000 Euro) für das Outfit ihrer Töchter ausgegeben haben. Das sind mehr als drei Lehrergehälter an den staatlichen Schulen. Der Feiermarathon beginnt zu Hause gegen Mittag. Bei Kajo in Sofia gibt es in der elterlichen Wohnung gleich zwei Partys: Für Verwandte und für Freunde aus der Grundschule. Während sich die Gäste beim edlen Buffet mit Häppchen und Kuchen amüsieren, macht sich Kajo zurecht. Erstmals im Leben trägt der Junge einen eleganten hellgrauen Anzug mit leuchtend gelber Seidenkrawatte. Alle staunen, „wie männlich er auf einmal aussieht“. Jetzt heißt es: Fotos machen und die Schulkollegin abholen, die heute die „Dame“ gibt. Zu ihrer Wohnung – wo es ebenso eine Party gibt – wird der Teenager von seinem Onkel gefahren. Dessen Jeep ist mit bunten Luftballons geschmückt. Mit dem Mädchen geht es am Nachmittag weiter zum Parkplatz eines großen Supermarktes. Dort treffen die Abiturientenpärchen ihre Klassenlehrerin, die von einem Mitschüler abholt wird. Der Autokorso fährt zum Gymnasium unweit des Frauenmarktes und sorgt überall für Verkehrsstaus. „Man ist nur einmal Abiturient!“, das rechtfertigt alle Kosten. Am Abend fährt die Autokolonne ins Grand Hotel, wo sich die Abiturienten endlich ohne Eltern amüsieren dürfen. dpa

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