Welt : Im Namen des Geldes

Städte buhlen um Star-Prozesse, um den Tourismus anzukurbeln

Matthias B. Krause

Noch ist alles ruhig in Santa Maria, Kalifornien, aber am Freitag fällt der große Medienschwarm wieder in das kleine Städtchen ein. Am zweiten Prozesstag gegen Popstar Michael Jackson muss Richter Rodney Melville über eine Reihe von Regularien entscheiden, dazu könnte auch die Frage gehören, wo künftig verhandelt wird. Weil im US-amerikanischen Rechtssystem die Jury die entscheidende Rolle für die Urteilsfindung spielt, ist ihre Zusammensetzung für den Angeklagten ausgesprochen wichtig. Somit ist es nicht unüblich, Verfahren zu verlegen, um sicherzustellen, dass wenigstens halbwegs unvoreingenommene Laien ihr Urteil abgeben – und längst hat die Tourismusbranche in den USA den juristischen Wanderzirkus als lohnendes Geschäft entdeckt.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Prozess gegen Scott Peterson, einen 31 Jahre alten Landmaschinenverkäufer, der angeklagt ist, seine hochschwangere Frau Laci an Weihnachten 2002 umgebracht und in die San Francisco Bay gekippt zu haben. Fötus und Leiche wurden drei Monate später wenige hundert Meter von der Stelle entdeckt, an der Peterson zu angeln pflegte.

Wegen des hohen Gruselfaktors laufen den ganzen Tag Live-Berichte im Fernsehen, wenn er vor Gericht erscheinen muss. Bis zu 500 Medienvertreter sind am Bezirksgericht von Stanislaus County im nordkalifornischen Modesto akkreditiert. An ein faires Verfahren war jedoch kaum zu denken. „Laci Peterson ist post mortem in ihrer Gemeinde eine Berühmtheit geworden, während ihr Mann als teuflischer Außenseiter in der Kommune gesehen wird“, schrieb Petersons Anwalt Mark Geragos – der übrigens auch zum Jackson-Team gehört – an das Gericht. Das beschloss nun in der vergangenen Woche, das Verfahren nach Redwood City im Bezirk San Mateo zu verlegen.

„Mit Jubelschreien und großer Freude haben wir in unserem Büro reagiert, als die Entscheidung gefallen war“, berichtete die lokale Tourismus-Chefin Anne LeClair. Nun warten in dem 70 000-Einwohner-Städtchen südlich von San Francisco alle auf den großen Boom. Hotels, Restaurants, Autovermietungen und andere könnten mit bis zu 16 Millionen Dollar Umsatz rechnen, kalkuliert LeClair. „Sie werden zwischen vier und sechs Monate bleiben, die ökonomische Bedeutung ist gewaltig“, sagte sie dem „San Francisco Chronicle“. Entsprechend hatte die Tourismuschefin schon im Vorfeld einiges dafür getan, die Entscheidung des Richters zu erleichtern.

Nach einem Bericht der „New York Times“ packte sie, kaum dass ihr Bezirk als einer der in Frage kommenden erwähnt worden war, einen großen Karton Werbematerial zusammen und schickte ihn an den Vorsitzenden Richter. „Wir haben damit deutlich gemacht, dass wir verstehen, dass wir im Gespräch sind“, sagte LeClair der „Times“, „und für den Fall, dass sie uns auswählen, schicken wir anbei Informationsmaterial, dass der Richter an Journalisten weitergeben kann“. Eine durchaus übliche Praxis. „Ich sage nicht, es wäre so wichtig, wie Olympische Spiele zu bekommen“, meint der Tourismus-Chef des Nachbar-Bezirks Santa Clara, Daniel N. Feton, „aber solche Verfahren können sich über Monate hinziehen“. Und natürlich schickte auch er ein Paket mit Werbebroschüren nach Modesto.

Werbebroschüren für den Richter

Doch Santa Clara verlor, San Mateo gewann – und LeClair jubilierte: „Jetzt kriegen wir Publicity, die man nicht mit Geld kaufen kann.“ Feton gab sich dagegen enttäuscht: „Wir hatten eine Menge guter Ideen. Aber wenn es etwas Positives nach der Entscheidung gibt, dann dieses: Wir haben gezeigt, dass wir bereit sind. Der nächste Prozess kann kommen.“ Vielleicht ja sogar der um den Kindesmissbrauch von Michael Jackson. Der brächte dann nicht nur einen großen Medien-Tross in die Stadt, sondern auch noch Tausende kreischender Anhänger aus der ganzen Welt.

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