• "Im Reich der Großmoguln": Annemarie Schimmel auf den Spuren der legendären Herrscher des Subkontinents

Welt : "Im Reich der Großmoguln": Annemarie Schimmel auf den Spuren der legendären Herrscher des Subkontinents

Christian M. Jolibois

Sie war passionierte Forscherin, schon in ihrer Schulzeit. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr befasst sich die 1922 geborene "Grande Dame" der Orientalistik immer wieder mit dem Thema der Moguln, den Herrschern des indischen Subkontinents. Annemarie Schimmel lehrte viele Jahre als Professorin in Bonn und Harvard indo-muslimische Kultur. Texte, die sie bereits als Zwanzigjährige veröffentlichte gelten heute noch als Standardwerke und 1995 wurde ihr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Ein Großgemälde der Großmoguln

Ihr Buch "Im Reich der Großmoguln" beschreibt die Geschichte, die Kunst und die Kultur des Mogulreiches in großem Facettenreichtum und mit staunenswerter Differenziertheit. Dabei geht es der Autorin weniger um ein exaktes chronologisches Geschichtswerk, als um einen plastischen und aussagekräftigen Einblick in die historischen Zusammenhänge.

In jener Epoche, als Europa sich auf den Weg der Entdeckungen in die neue Welt machte, begann auf der gegenüberliegenden Seite des Globus die Geschichte des Mogulreiches. Die historische Einführung beschreibt ein lebhaftes und anschauliches Bild der Dynastie der Moguln. Die Herrscher der ersten zwei Jahrhunderte zeichneten sich durch ihre Intelligenz und Kultur aus. Oft beherrschten sie mehrere Sprachen.

All dies schützte sie indes nicht vor den vielen Intrigen derer sie sich zu erwehren hatten. Aus den Tagebüchern der Mogulherrscher erfährt man vieles über Aufbau und Struktur des Reiches, man bekommt Eindrücke aus erster Hand. Zitate und Anekdoten lassen ein lebendiges Bild vor dem Auge der Leser entstehen. So empfand es ein Herrscher als festhaltenswert, dass er den Ganges mit nur 33 Schwimmzügen durchquerte.

Die pittoreske Sprache vieler Übersetzungen erinnert an die Diktion der legendären Erzählungen aus "Tausendundeine Nacht", einem Werk, das in Indien seinen Ursprung hatte. Die Moguln regierten ein gigantisches Gebiet, das ungefähr der Fläche der heutigen Europäischen Union entsprach. Sie herrschten über etwa 120 Millionen Untertanen. Das setzte eine funktionierende und effiziente Verwaltung des viele Völker umfassenden Reiches voraus.

Annemarie Schimmel beschreibt in den Kapiteln über das Hofzeremoniell und die Bürokratie des Mogulreiches dessen ausgeklügeltes Finanz- und Steuersystem. Insbesondere geht sie dabei auf das Militär und dessen ungewohnten Aufbau ein, etwa auf die Tatsache, dass die Generäle ihre Untergebenen selbst bezahlten - mit Einkünften aus kaiserlichen Lehen. Auch der "Adel", in dessen Hierarchie das Konzept des Erbadels fehlt, ähnelt nur wenig dem, was einem westlich geprägten Leser vertraut erscheint. Beschreibungen der diplomatischen Beziehungen, die die Mogulkaiser zu ihren Nachbarn pflegten, lassen deren orientalisch anmutende Gepflogenheiten erkennen.

Den unermesslichen und märchenhaften Reichtum des Hofes, wie ihn viele europäische Reisende beschrieben haben, kontrastiert die Autorin mit den einfachen Lebensverhältnissen der breiten Masse. Rebellionen, Aufstände blieben da nicht aus. Zu Recht verweist Schimmel auf die Spärlichkeit der Quellen hinsichtlich der mittleren oder gar unteren Klassen - wie in der europäischen Geschichte auch. Ein Kapitel befasst sich mit der Mannigfaltigkeit der Religionen und Sprachen, die unter der Mogulherrschaft friedlich vereint waren - Hinduismus, Buddhismus, diverse islamische Strömungen.

Den Frauen am Hofe widmet sie einen Abschnitt ihrer Studie. Über Mumtaz Mahal erfährt man, die Frau, nach deren Tod der König, ihr Ehemann, das Taj Mahal zu ihrem Gedenken errichten ließ. Obwohl das Reich der Moguln islamisch geprägt war, genossen deren weibliche Untertanen mehr Freiheiten als ihre Geschlechtsgenossinnen der zentralarabischen Gebiete. Den Kaiser schützte eine weibliche Leibgarde. Oft besaßen die Damen des kaiserlichen Hofes sogar mehr Einfluss als ihre Ehemänner. In Regierungsgeschäften, im Handel und als Mäzeninnen hatten sie entscheidende Rollen. Eine Besonderheit kam den von der Autorin beschriebenen Ammen und den sogenannten Milchgeschwistern zu: Sie hatten den Status von Blutsgeschwistern. Leider fehlt dem Kapitel über die Frauen eine gewisse Übersichtlichkeit, als einziges ist es nicht gegliedert.

Opiumkekse zum Nachtisch

Auch um Haushalt und Geräte geht es in Schimmels Darstellung; Kleider, Teppiche, Juwelen, und Kunst, Küche und Keller des Hofes. Ebenfalls beleuchtet wird der Einfluss, den Drogen und Alkohol auf die damalige Gesellschaft ausübten. Beliebt waren Opiumkekse, als "Drogendessert".

Wenig ergiebig bleiben die Abschnitte über Wirtschaft und Handel, was Schimmel selbst einräumt. Die Unachtsamkeiten der Korrektur schmälern nicht den Inhalt des Buches und gehen sicher nicht zu Lasten der Autorin. Andere Orientalisten mögen den Stil von Annemarie Schimmel als zu anekdotisch empfinden. Doch diese Leserschaft stellt sicher nicht die Zielgruppe der Autorin dar. Gerade die erzählerischen Auflockerungen, der sparsame Einsatz von Jahreszahlen und eine sich auf das nötige Minimum reduzierende wissenschaftliche Theorie machen das Buch für Laien lesenswert und spannend. Ein ausführlicher Anhang ermöglicht vertiefende Informationen. Im Schlusswort verweist die Autorin auf die Spuren des Mogulreiches, die noch heute auf dem indischen Subkontinent zu lesen sind.

Das Reich der Großmoguln begegnet uns hier als ein buntes Theater der verschiedensten Menschen, geprägt von zahlreichen Kulturen. Für das heutige Verständnis und Selbstverständnis Indiens ist die Kenntnis seiner komplexen, reichen Vergangenheit sicher hilfreich. Lesern sei ergänzend ein Besuch in einem Museum für indische Kunst empfohlen.

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