Welt : Im Wasserbus am Stau vorbei

Thomas Roser

Die niederländische Regierung will Pendler auf die Flüsse lockenThomas Roser

Im Schritttempo quälen sich die Blechkarossen in den niederländischen Ballungszentren zu Hauptverkehrszeiten über den Asphalt. Seit Jahren warnt die heimische Wirtschaft vor dem drohenden Verkehrsinfarkt in dem am dichtesten besiedelten Land Europas. Die ständig wachsende Zahl von Staus bescheren der Transportnation alljährlich Verluste in Milliardenhöhe.

An Erfindungsreichtum im endlosen Kampf gegen die Staus lässt es Den Haag nicht mangeln. Die Sonderfahrbahn für Fahrgemeinschaften konnte die Länge der Blechkarawanen jedoch genauso wenig reduzieren wie die Umwandlung von Stand- in Fahrspuren. Auch von der geplanten Einführung einer Mautgebühr und dem erwogenen Bau einer "Fahrrad-Autobahn" zwischen Amsterdam und Utrecht versprechen sich Experten angesichts der steigenden Zahl zugelassener Autos kaum eine nachhaltige Linderung des Problems. Staumüden Autofahrern in den Regionen Amsterdam und Rotterdam bietet sich seit kurzem jedoch eine neue Alternative: Im komfortablen "Wasserbus" können sie am Stau vorbei stressfrei zu ihrer Arbeit brausen.

"Die Niederlande sind ein Wasserland, aber wir tun mehr zur Wasserbekämpfung als zur Wassernutzung," schreibt die Tageszeitung "Metro". "Doch nun erkennt Den Haag, dass das Wasser auch zur Vergrößerung der Mobilität genutzt werden kann."

Mehr als 27 Millionen Gulden (etwa 24 Millionen Mark) hat die Regierung als einmalige Starthilfe für die neuen Schnellfährdienste zur Verfügung gestellt. Denn nicht nur Güter, sondern auch Passagiere will Den Haag verstärkt über die Wasserwege verfrachten lassen.

Mit staatlicher Unterstützung wurde bereits im Mai 1998 eine erste Schnellbootverbindung zwischen dem Küstenort Ijmuiden und Amsterdam eingerichtet. Seit Herbst können die Pendler aus den Retortenstädten Almere und Lelystadt vom Flevopolder staufrei in die Grachtenstadt schippern. Nun sollen die bis zu 55 Kilometer schnellen Tragflügelboote auch zwischen Rotterdam und Dordrecht im Halbstundentakt durch das Mündungsdelta des Rheins rauschen. Um den Umstieg ins Schnellboot zu erleichtern, verfügen alle Anlegestellen über Parkplätze und guten Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. Auch der Transport des eigenen Fahrrads ist im Wasserbus gestattet.

Mit einigen Tausend Passagieren pro Tag rechnen die beiden an dem Projekt beteiligten Reedereien: Bisher sei die Reaktion der Reisenden auf die schnellen Fähren sehr positiv. "Natürlich wissen wir, dass wir mit dem Wasserbus unser Stauproblem nicht lösen," sagt Simone Braun, Sprecherin des Verkehrsministeriums in Den Haag, dem Tagesspiegel. "Aber den Leuten wird eine zusätzliche Alternative zum Auto geboten. Und schließlich tragen auch kleine Projekte zur Entlastung des Straßennetzes bei."

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