Welt : Im Westen Indiens sind 50 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht

Gabriele Venzky

Drei Stunden ist sie gelaufen, dann hat sie noch einmal drei Stunden lang in einem Schlammloch herumgefischt und nun macht sie sich mit dem Ergebnis ihrer Arbeit auf den Weg. Auf dem Kopf trägt Ramuben einen Fünf-Liter-Topf mit brackigem Wasser. Drei Stunden Heimweg. "Die Kinder haben schon Diarrhoe und weiße Flecken auf den Armen von diesem Wasser", klagt Ramuben, "und es brennt, wenn man es hinunterschluckt." Aber was soll sie anderes tun in diesem verdorrten Zipfel von Saurashtra als täglich neun Stunden für einen Topf voll Wasser zu schuften. Ein Wassertanker verirrt sich niemals hierher.

Dies ist nicht Aethiopien sondern Indien. Ungewöhnlich früh ist in diesem Jahr die Sommerhitze gekommen und die Temperaturen liegen jetzt im April bereits in weiten Teilen des Landes bei über 40 Grad. In Saurashtra, dem trockensten Teil des indischen Staates Gujarat, herrscht jeden Sommer verbrannte Erde, so wie in der Salzwüste des Runn of Kutch gleich nebenan oder im benachbarten Staat Rajasthan. Drei Jahre hat es hier nicht geregnet, in manchen Gegenden sogar fünf Jahre nicht. "So schlimm ist es seit Jahrzehnten hier nicht gewesen", sagen die Dorfbewohner und zeigen auf ihre leeren Brunnen und den ebenso leeren Wasserhochtank, den der Staat bei der letzten verheerenden Dürre vor zehn Jahren gebaut hat. Mehr ist seitdem nicht geschehen.

Die Menschen haben ihren einzigen Besitz, das Vieh, freigelassen und nun liegen die Kadaver überall auf der betonharten Erde. In die Städte flüchten lange Treks vor dem Hunger, doch auch in den Städten gibt es kein Wasser, auch hier droht die Hungersnot. Aber nicht nur Gujarat und Rajasthan sind von der Dürrekatastrophe heimgesucht. Auch in den großen Staaten Madhya Pradesh und Andra Pradesh sind die Brunnen, Flüsse und Reservoirs ausgetrocknet, und in Orissa, wo die Menschen noch immer auf Hilfe nach dem Killer-Orkan des letzten Oktobers warten, der mehr als 10 000 Opfer fordert, liegen die Felder ausgedörrt da. Über 50 Millionen Menschen haben nichts mehr zu trinken und nichts mehr zu essen. Auch in Indien bahnt sich eine Katastrophe an.

Kaum ein Tag, an dem nicht mehrere Bauern Selbstmord begehen. Ihre Ernte ist vernichtet und sie können die Kredite, die sie auf die kommende Ernte aufgenommen haben, nicht mehr zurückzahlen. Jedes Jahr kommt es zu diesen menschlichen Tragödien. Aber dieses Jahr ist es die Verzweiflung schlimmer als sonst. In Delhi ist ein Notstandsfonds eingerichtet worden und der Premierminister hat angeordnet, Wasserzüge in die verdorrten Gebiete zu schicken. Doch da kommt die Hilfe nicht an. Auch die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen greifen nicht, die den Menschen wenigstens ein Einkommen von zwei Mark am Tag bringen sollen. Und dort, wo halbherzig mit dem Food-for-Work-Programm begonnen wurde, ist es meist sinnlos, wie schon bei der letzten Dürrekatastrophe und bei der davor: Lange Gräberkolonnen schichten Dämme auf, die niemals Wasser stauen werden, weil es hier niemals Wasser zum Stauen gibt.

Über eine Milliarde Menschen hat Indien und jedes Jahr kommen 20 Millionen mehr hinzu. Überall im Lande ist der Grundwasserspiegel dramatisch gesunken, weil man Wasser hemmungslos abpumpt, nicht zuletzt um besonders durstige Pflanzen zu wässern, die viel Geld bringen, wie etwa Zuckerrohr, die aber die Bevölkerung nicht ernähren. Gleichzeitig wird gnadenlos weiter das wenige, was es noch an Wald gibt, abgeholzt. Auch so verdorrt das Land. Die Grüne Revolution, die jahrzehntelang Indien vor Hungersnöten bewahrt hat, ist an ihrem Endpunkt angekommen. Immer weniger wird aus den Böden herausgeholt, die durch Überdüngung ausgelaugt und durch Überwässerung versalzt sind. Schon längst hält der Zuwachs an Getreide nicht mehr mit dem Bevölkerungswachstum Schritt.

Indien droht deshalb ein gewaltiges Nahrungsmitteldefizit. Schon in drei Jahren, so meinen die Experten, muss das Land, das der drittgrößte Reisproduzent der Erde ist, Reis einführen. Aber auf der Prioritätenliste der Regierung steht die ausreichende Versorgung der Bevölkerung ebensowenig wie ihre Schulbildung. Hinter der glänzenden Fassade der sogenannten Informationstechnologie-Supermacht verbergen sich nach wie vor Hunger und Armut. Fast die Hälfte der Inder lebt unterhalb des Existenzminimums, das mit einem Dollar pro Tag angesetzt wird. Dürrekatastrophen wie die jetzige werfen ein Schlaglicht auf die wahren Verhältnisse in Indien. Dann, wenn 50 Millionen Menschen der Tod droht, durch Verhungern und Verdursten.

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