Welt : Im Zentrum der Macht: Wie das System Kohl funktionierte

Andreas Fritzenkötter

Macht ist in unserer komplexen Gesellschaft immer mehr zu einer Frage von Netzwerken und Verbindungen geworden. Ob Bundeskanzler, Parteivorsitzender, Vorstandschef eines Unternehmens oder auch Chefredakteur - jeder umgibt sich mit Menschen, auf die er sich verlassen kann, und mit denen er in gegenseitiger Loyalität verbunden ist. Der ehemalige Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Helmut Kohl bildet da keine Ausnahme. Nicht zufällig hat er stets betont, dass man "bestimmte Wege nicht allein gehen" könne.

Der Politiker aus der Pfalz war Fraktionschef im Mainzer Landtag, Fraktionsvorsitzender im Bundestag, 25 Jahre lang Bundesvorsitzender der CDU, 16 Jahre lang Bundeskanzler. Politologen, Journalisten oder auch die politische Linke haben in den vergangenen Jahren immer wieder über das Erfolgsgeheimnis Helmut Kohls spekuliert. Als eine Erklärung entdeckten sie das "System Kohl". Der Begriff weckt nicht von ungefähr die Assoziation mit der Welt der Technik. Das für manche nicht erklärbare Phänomen Kohl wurde in einen rationalen Begriff gepresst. Mutmaßungen über ein geheimnisvolles "System" von Abhängigkeiten, Querverbindungen im Sinne einer perfekt laufenden Macht-Maschinerie wurden zu einem Mythos, der allerdings mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Kohls Erfolg war stets eine Politik "aus dem Bauch heraus", die Mischung aus Intellekt, Intuition und einem Höchstmaß an emotionaler Kompetenz. Das "System" ist nicht das Ergebnis kühler Planung, sondern es entstand im Laufe vieler Jahre aus Begegnungen mit Menschen. Oft war es viel stärker dem Zufall unterworfen als die Außenwelt glaubte. Aber es funktionierte. Denn Helmut Kohls Netzwerk ist gekennzeichnet vom "human factor", dem Faktor des Menschlichen. Kohl hat die Gabe, Menschen emotional für sich einzunehmen. Seine Neugier auf andere Menschen hat er sich auch in den vielen Jahren seiner Kanzlerschaft bewahrt. Dies ermöglichte es ihm, ständig neue Kontakte zu knüpfen und auch bestehende Verbindungen zu pflegen.

Um die Person Kohls herum entstand ein Mikrokosmos von Mitstreitern und Freunden. Kern des so genannten "Systems" war die berühmte "Morgenlage", zu der sich die engsten Mitarbeiter täglich gegen acht Uhr früh im Bonner Kanzleramt um den Schreibtisch des Regierungschefs versammelten.

In dieser Runde wurde offen, kritisch und oft kontrovers über die aktuelle politische Lage diskutiert. Das Geheimnis des Zusammenhalts dieser Runde bestand darin, dass sich hier Menschen gefunden hatten, die nicht nur für ein gemeinsames politisches Ziel arbeiteten, sondern die sich auch menschlich untereinander verstanden haben. Die meisten verbrachten mehr Zeit mit ihren Kollegen als mit ihren Familien. Oft genug stand man im Feuer der Medien - das schweißte zusammen.

Diese eingeschworene Gemeinschaft wurde wegen der gemeinsamen Liebe zur mediterranen Küche auch "Küchenkabinett" genannt. Das erinnert zu Recht an eine Dimension des Sinnlichen, der Lebensfreude - ganz typisch für Kohl und seinen Stil. In dieser Sphäre jenseits jeder freudlosen Askese gelang es Kohl immer wieder, auch in schwierigsten Zeiten seine Mitstreiter zu motivieren. Er schaffte es, ihnen zu vermitteln, dass sie für ihn mehr waren als Rädchen in der politischen Maschinerie oder einfach nur Angestellte. Und er konnte sich auf die Diskretion dieser Gemeinschaft stets verlassen. Sie war oberstes Prinzip. Hinter der verschlossenen Tür durfte nahezu alles gesagt werden. Wer aber öffentlich über "Interna" redete, war "draußen".

Hinzu kam, dass jedes einzelne Mitglied des "Küchenkabinetts" wiederum eigene Netzwerke und Verbindungen in die Außenwelt hatte - in die Partei, in die Wirtschaft, in die Medien. So konnte Helmut Kohl die "Morgenlage" als Seismograph für Entwicklungen und Stimmungen in fast allen gesellschaftlichen Gruppierungen nutzen. Sein nahezu untrüglicher politischer Instinkt half ihm, aufgrund dieser Informationen Warnsignale rechtzeitig zu erkennen.

Ein kaum zu überschätzendes Gewicht hatten Kohls menschliche Netzwerke in die CDU, ja in die gesamte Union hinein. Regelmäßig telefonierte der damalige CDU-Vorsitzende schon morgens vor Dienstbeginn mit Kreisvorsitzenden, Parteigeschäftsführern oder Landtagsabgeordneten in den unterschiedlichen Landesverbänden. In diesen Telefonaten erkundigte er sich nicht nur nach Neuigkeiten von der Partei-Basis, sondern es ging auch um Persönliches oder Familiäres. Wenn Helmut Kohl immer wieder betont hat, die CDU sei seine politische Heimat, bedeutet dies, dass die Partei für ihn eben viel mehr als ein Zweckverband zur Durchsetzung politischer Ziele war. Sie ist bis heute ein Stück Familie, ein Freudeskreis, in dem man Anteil nimmt am menschlichen Schicksal einzelner Mitglieder.

Aber natürlich war die CDU für den Vollblut-Politiker Kohl nicht allein ein Hort politischer Geborgenheit. Im Laufe von 25 Jahren Parteivorsitz entwickelte er sich zum Patriarchen der Partei. Für viele Mitglieder oder Funktionäre war der persönliche Kontakt, ein einfacher Anruf, eine Art Ritterschlag. Ähnliches galt übrigens auch für manchen Journalisten, den Helmut Kohl beispielsweise auf Parteitagen an seinem Tisch plazierte. Auch hier gelang es ihm, Emotionen zu wecken und Nähe aufzubauen.

Bemerkenswert ist, dass dieses einfache, archaische Prinzip ebenso auf der politischen Weltbühne funktionierte. Hier könnte man es fast als "Diplomatie mit Bauchgefühl" bezeichnen. Als zum Beispiel Bill Clinton 1993 sein Amt als US-Präsident antrat, spekulierten die deutschen Medien über eine mögliche Verschlechterung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Hintergrund war, dass der neue amerikanische Präsident einer anderen Generation als Kohl angehörte. Außerdem war der deutsche Kanzler nicht zuletzt wegen dessen Unterstützung beim Zustandekommen der Deutschen Einheit mit Clintons Vorgänger George Bush eng befreundet. Wie würde sich das Verhältnis zum neuen US-Präsidenten entwickeln?

Vor dieser nicht ganz einfachen öffentlichen Kulisse machte Helmut Kohl seinen ersten Besuch bei Clinton im Weißen Haus. Im Vier-Augen-Gespräch sprach man über die eigenen Biographien, familiäre Hintergründe und Persönliches. Kohl hörte dem Jüngeren zu. Man lernte sich menschlich kennen. Später wurde aus dieser ersten emotionalen Annäherung eine echte Freundschaft, in der sich Clinton sogar von Kohls Begeisterung für italienische Küche anstecken ließ. Die emotionale Kompetenz Helmut Kohls hatte wieder einmal Erfolg gehabt, ganz so wie bei etlichen anderen Regierungschefs - bei Mitterrand in Frankreich, Michail Gorbatschow und später bei Boris Jelzin in Russland.

Kohl löste brisante politische Fragen nicht am Konferenztisch mit vorgefertigten Sprechzetteln. Mit "Bill" oder "Boris" kommunizierte er nicht von Staatsmann zu Staatsmann, sondern privat und emotional. Er schuf damit eine einzigartige Vertrauensbasis, die auch nicht durch intensivste Konferenz- oder Gipfelaktivität zu ersetzen ist.

Hier liegt das eigentliche Geheimnis des "Systems Kohl". Er brach die Aura des Gewichtigen und Wichtigen, des Erhabenen und Internationalen auf die Ebene des Privaten herunter. Er vereinfachte in seiner archaischen Art und kam damit zu tragfähigen Lösungen, weil menschliches Vertrauen vorhanden war. In diesem "System" liegt nichts Mystisches. Es ist im besten Sinne konservativ. Auch wenn es in unserer komplexen, oft technokratischen Gesellschaft nicht nachvollzogen werden kann - es ist auch zeitlos. Die Basis sind soziale und emotionale Kompetenz, gepaart mit politischem Instinkt.

Vielleicht ist auch deshalb bei vielen in der Union nach Kohls Abgang von der politischen Bühne ein Gefühl des Vakuums entstanden. Möglicherweise werden sich andere Politiker eines Tages einmal an diesen Stil erinnern. Dann wäre das "System Kohl" eine Reminiszenz an die Zukunft.

Der Autor war Kohls Medienberater, er arbeitet heute für die Verlagsgruppe Bauer.

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