Im BLICK : Das Doppelleben von Bush und Co.

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Wer in ferne Länder reist, tut bekanntlich gut daran, sich vorher über Sitten und Gebräuche dort zu informieren. Wie benimmt man sich bei Tisch, welche Gesten sollte man vermeiden? Manchmal kann es auch ratsam sein, Namen bestimmter Landessöhne oder -töchter nicht zu erwähnen. Zum Beispiel in Georgien. Das betrifft nicht etwa Stalin, dessen Todestag sich Anfang März zum sechzigsten Mal jährte. Das Ereignis wurde im Geburtsland des Sowjetherrschers zwar geflissentlich ignoriert, doch ein Tabu ist der berühmteste Georgier nun auch wieder nicht. Der „meistgehasste Mann Georgiens“, wie es in diplomatischen Kreisen in Tiflis heißt, ist ein anderer: Eduard Schewardnadse. Und das sollte niemanden überraschen.

Wer sich im Ausland Verdienste erwirbt, muss im eigenen Land nicht unbedingt erfolgreich sein. Schewardnadse, Beförderer der deutschen Einheit, schaffte es zu Hause nicht, die mafiösen Strukturen in Wirtschaft und Politik in den Griff zu bekommen, was das Land beinah ruinierte und das Vertrauen der Bürger in ihren Staat erschütterte. Die „Schewardnadse-Ära“ von 1995 bis 2003 gilt als verlorenes Jahrzehnt. Und kaum ein Georgier bereut es, den Präsidenten während der Rosenrevolution aus dem Amt gejagt zu haben.

Auch Michail Gorbatschow lavierte zu Hause mehr, als dass er durchgreifende Reformen umsetzte, weshalb sein Ansehen in Russland heute ebenfalls weit hinter seinem Heldenstatus vor allem in Deutschland zurückbleibt. Dort gilt er als Totengräber der Sowjetunion, hier als der Mann, der den Eisernen Vorhang zerriss. Ein Land zu regieren, noch dazu einen Vielvölkerstaat am politischen Scheideweg, ist nun einmal ungleich schwerer, als außenpolitische Duftmarken zu setzen.

Im Ausland kann man sich mit einem einzigen Satz – „Ich bin ein Berliner“ – einen Platz im Herzen eines Volkes sichern. Und mit mancher Geste Geschichte schreiben, wie Willy Brandt mit seinem Kniefall in Warschau und Helmut Kohl, als er in Verdun die Hand von François Mitterrand ergriff. Im Übrigen gibt es nicht wenige Länder, in denen Kohl den Ruf eines großen Staatsmannes genießt.

Der einzige Führer eines demokratischen Staates, dem schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt wurde, dürfte aber Bill Clinton sein. Das Denkmal steht natürlich nicht in den USA, sondern im Kosovo, das sich damit und mit einem Clinton-Boulevard für die Unterstützung des früheren US-Präsidenten bei der Staatswerdung bedankt. Angela Merkel konnte sich bei ihrer letzten Reise nach Pristina aus demselben Grund immerhin über ein Plakat mit der Aufschrift: „Frau Bundeskanzlerin, herzlich willkommen!“ freuen.

Die Georgier wiederum erinnern sich noch heute gern an George W. Bush, nach dem sie eine wichtige Straße benannt haben. Eduard Schewardnadse dagegen möchten sie lieber vergessen. Wer sich in Tiflis nach seinem Befinden erkundigt, bekommt bestenfalls eine Gegenfrage gestellt: „Lebt der überhaupt noch?“ Er lebt, doch in der Öffentlichkeit ist er nicht mehr zu sehen. Selbst bei deutschen Empfängen in Tiflis hält man vergeblich nach ihm Ausschau. Manche sagen, er werde nicht mehr eingeladen, weil amtierende Politiker dann fernbleiben würden.

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