Welt : Immer gut im Takt

Uli Schulte Döinghaus
Versonnen. R. Schumann Foto: akg-images
Versonnen. R. Schumann Foto: akg-imagesFoto: picture-alliance / akg-images /

Das Zwickauer Robert-Schumann-Jubiläum hat noch Zeit bis Juni. Bis dahin beherrscht der lokale Fußball das öffentliche Gespräch: So schlimm stand es nämlich noch nie um den krisengewohnten FSV Zwickau, über dem mal wieder das Insolvenzgespenst spukt. Das westsächsische Provinzdebakel wäre an dieser Stelle vielleicht gar nicht der Rede wert, wenn der Oberliga-Fußballklub nicht so exemplarisch eng mit der Stadt verbandelt wäre und mit ihrer jüngeren Geschichte.

Zum bedeutendsten Sohn Zwickaus mögen einige vielleicht Gert Fröbe (geb. 1913) erheben, die meisten natürlich Robert Schumann (geb. 1810), aber eine ansehnliche Minderheit dürfte für Jürgen Croy (geb. 1946) stimmen. Zu DDR-Zeiten hieß Croys Fußballverein erst Horch Zwickau, später BSG Sachsenring, noch später BSG Motor – was auf die enge Beziehung von Region und Stadt mit der Automobilität hinweist.

Die Vergangenheit der Automobilindustrie spiegelt das August-Horch-Museum eindrucksvoll wider, das am nördlichen Stadtrand Zwickaus dort untergebracht ist, wo Firmengründer August Horch (1868 bis 1951) erst Horchs, dann Audis zusammenbauen ließ.

Wie Horch als Boss so war, warum er besser Autos konstruierte als Kosten kalkulierte, wie er den Motorsport in Deutschland auf Touren brachte, wie er in die Kriegsproduktion beider Weltkriege involviert war und wie er schließlich aus der Sowjetzone in die Bundesrepublik gelangte – davon weiß Harald Seidlitz während eines Rundgangs durch die Hallen des Museums zu berichten.

Fast genauso interessant wie die Detailgeschichte des Luxus und der Motoren fallen Seidlitz’ private Erinnerungen daran aus, wie er selbst zu seinem ersten Trabant kam. Während der Museumsführer seine ganz privaten 60er Jahre rekapituliert, steht er vor einem aufgeschnittenen Trabant und erläutert den beeindruckten Besuchern liebevoll, warum der Trabbi zugleich eine Rennpappe und ein Packwunder sein konnte.

Wie sich die Motoren- und Designentwicklung des legendären Zweitakters bis zum „Abgesang in vier Takten“ (Trabant 1.1) entwickelte – das ist auf eingängige, lehrreiche und unterhaltsame Weise im Museum nachzuvollziehen. Ende März sogar wissenschaftlich, wenn im August-Horch-Museum „Deutsch-deutsche Analogien im Kraftfahrzeugbau 1945–1990“ daraufhin untersucht werden, wie die Trennung in zwei politische Welten nach dem Zweiten Weltkrieg die Technikgeschichte beeinflusst hat.

Bis dahin kommen im Museum Schrauber und Bastler auf ihre Kosten. Aber auch Nostalgiker und Privathistoriker wie der Reporter, dem am Museumsausgang die Kälte noch einmal nachträglich ins Mark kroch, als er vor einem DKW-Munga stand, der hier im Rahmen einer Sonderausstellung zur Geschichte der Auto Union zu sehen ist. In solch einem Jeep hatte der Reporter einst zugige Manövernächte als Funker verbringen müssen. Damals beim westdeutschen Bund im – buchstäblich – Kalten Krieg.

Damals, das waren auch die Zeiten, als die Anfangstakte der berühmten „Rheinischen Sinfonie“ jedem Musikbanausen geläufig waren, vorausgesetzt, er konnte den Westdeutschen Rundfunk empfangen. Deren Regionalprogramm führt bis heute die ersten Takte der „Rheinischen“ als Erkennungsmelodie. Der gebürtige Sachse Robert Schumann war nämlich ein „Immi“, wie die Rheinländer ihre Einwanderer nennen; Schumann verbrachte seine letzten Künstler- und Lebensjahre zwischen Düsseldorf, Köln und Bonn, wo er in geistiger Umnachtung starb.

Geboren wurde Robert Schumann in Zwickau an der Mulde; das ursprüngliche Geburtshaus wurde nach einem verheerenden Hochwasser baufällig und wurde 1956 nachgebaut – es beherbergt heute eine Ausstellung zu Leben und Werk von Clara und Robert Schumann.

Wenn an ganz gewöhnlichen Museumstagen irgendwo die „Träumerei“ gespielt wird oder ein paar Räume weiter auf einer sogenannten Physharmonika der „Fröhliche Landmann“ aus dem Album für die Jugend zu hören ist, dann könnte es sein, dass Thomas Synofzik Besucher durch das Robert-Schumann-Haus führt, das er leitet. Der jungenhaft wirkende Musikwissenschaftler rühmt dann gerne die Akustik des hauseigenen Kammermusiksaals, in dem im Monatsrhythmus Sonntagskonzerte veranstaltet werden.

Genetisch gesehen war Schumanns Musikalität ein Zufallstreffer – familiäre Wurzeln hatte sie nicht. Dafür war seine schriftstellerische und editorische Begabung gleichsam hausgemacht: Sein Vater August gilt als Erfinder des Taschenbuchs, noch vor den Leipziger Reclams. Stücke aus der „Etui-Bibliothek“ sind im Eingang des Zwickauer Schumann-Hauses ausgestellt, gleich hinter der Kasse. Vermutlich hatten Clara und Robert Schumann einige dieser Miniaturschwarten auch auf ihren ausgedehnten Konzertreisen (per Kutsche!) im Gepäck, die sie unter anderem nach Russland führten. Unterwegs probte Clara, die umjubelte Ausnahmepianistin, auf einer Art Schoßklavier, dem „Physharmonium“, das heute im sogenannten Gedenkzimmer des Schumann-Hauses in Zwickau ausgestellt ist.

Womöglich kommt das heute leicht fiepende Instrument noch einmal in diesem September zu Ehren, wenn in den Zwickauer Kunstsammlungen eine Ausstellung mit dem Titel „Schumann Perspektiven – Nachwirkungen Schumannscher Musik in der bildenden Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts“ eröffnet wird. Petra Lewey, die Leiterin der Sammlung, hat sich zusammen mit der sächsisch-amerikanischen Künstlerin Janet Grau unter anderem Performances in der Stadt ausgedacht, die um das Leben und Werk des Komponisten kreisen.

Bis es so weit ist, öffnet Petra Lewey gelegentlich die Archivschubladen der Zwickauer Sammlung, die ein bisschen mit Schumann, aber sehr viel mit Max Pechstein zu tun haben. Der gebürtige Zwickauer (1881) war Mitglied der Künstlervereinigung „Die Brücke“ und nach dem Krieg Professor für Bildende Kunst in West-Berlin. Pechsteins Bilder und Grafiken sind heute unter anderem im Berliner Brücke-Museum ausgestellt, in der Berliner Nationalgalerie – und natürlich in den Kunstsammlungen Zwickau.

Pechsteins Stillleben, aber auch Südsee-Motive und Selbstporträts werden dort wohlplatziert im Zentrum der Sammlungen präsentiert, die mit ihren 1000 Gemälden zu den bedeutendsten Kunstmuseen in Mitteldeutschland gehören. Die Exponate reichen von Lucas Cranach über niederländische Landschaftsmalerei, Biedermeier und Romantik, Fin de Siècle, Moderne bis hin zur Gegenwartskunst, Schwerpunkt Sachsen.

Das ziemlich prächtige Museumsgebäude, in dem das alles verwahrt ist, erinnert daran, dass Zwickau in jenen Jahren von einem kulturbeflissenen und selbstbewussten Bürgertum geprägt war, dessen Wohlstand auf dem gründete, was Bergleute in Drecksarbeit zutage förderten: Steinkohle. An die Zeiten, als Zwickau noch Kohle hatte, erinnert heute so gut wie nichts mehr – es sei denn, man besucht die Priesterhäuser, ein Ensemble aus vier zweigeschossigen Häusern in spätmittelalterlicher Bauweise. Sie wurden ursprünglich von den Priestern bewohnt, die in der benachbarten Pfarrkirche St. Marien Dienst taten. Heute beherbergt das Ensemble der Priesterhäuser unter anderem eine stadthistorische Sammlung, in der auch die Steinkohlegeschichte Zwickaus rekapituliert wird.

Bisweilen klettert Michael Löffler mit Interessierten auch unters Dach, dorthin, wo einstmals Internatsschüler einquartiert wurden. Wo sie sich damals zusammenkauerten und ein bisschen Wärme suchten, erläutert der Stadthistoriker heute, welche Baumaterialien im Mittelalter verwendet wurden und auf welche bauhistorischen und kulturgeschichtlichen Überraschungen die Denkmalschützer und Sanierer stießen, als sie die Priesterhäuser in den 90er Jahren vor dem Verfall bewahrten, dem sie zu DDR-Zeiten ausgesetzt waren.

Nicht ohne Bürgerstolz werden die Priesterhäuser heute als eines der ältesten noch erhaltenen Wohnhausensembles gefeiert, die in Deutschland zu bestaunen sind. Einzelne Deckenbalken sind aus dem Jahre 1264, was holzkundige Dendrologen anhand der Jahresringe im Holz ausgerechnet haben.

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