Welt : Immer mysteriöser

Es gibt nicht den geringsten Hinweis auf den verschwundenen zweijährigen Tim aus Elmshorn – dafür gibt es viele Spekulationen

Tanja Gerlach[Elmshorn]

Es gibt keine einzige Spur. Der Fall des zweieinhalb Jahre alten Tim, der am Donnerstagabend aus der Wohnung seiner Mutter in Elmshorn in Schleswig-Holstein verschwunden ist, wird immer mysteriöser. Auch fast 100 Stunden nach seinem Verschwinden hat die Polizei nicht einen brauchbaren Hinweis. „So einen Fall haben wir noch nicht erlebt“, sagt Kriminalhauptkommissar Rainer Holm.

Wo es keine Spuren gibt, gibt es umso mehr Spekulationen, die alle Beteiligten umtreiben. Es gebe zehn bis 15 verschiedene Erklärungen, was vorgefallen sein könnte, von einer Entführung über ein Unglück bis hin zu einem Familiendrama. Es werde weiter in alle Richtungen ermittelt.

„Eine Straftat ist nicht auszuschließen“, sagt Holm. Aus der Bevölkerung seien inzwischen 30 Hinweise eingegangen, die jetzt abgearbeitet würden. Dafür wurde extra eine Sonderkommission „Tim“ aus 29 Beamten gebildet.

Die großen Suchaktionen am Freitag und Sonnabend in der 50000-Einwohner-Stadt vor den Toren Hamburgs, bei denen rund 150 Einsatzkräfte in Parks, an Seen und in Straßen unterwegs waren – unterstützt von zehn Spürhunden und Tauchern –, sind vorerst eingestellt worden. „Wir ermitteln jetzt noch einmal im näheren Umfeld des Jungen. Vielleicht haben wir bei den Befragungen der Familienmitglieder oder der Nachbarn etwas übersehen“, so Holm.

Bisher hätten sowohl die Mutter als auch die anderen Familienmitglieder Aussagen gemacht, die „absolut plausibel“ seien. Dennoch wurde etwa die Wohnung der Mutter in der Kirchenstraße noch einmal von Beamten mit einem Spürhund durchsucht. Die Wohnungen aller Familienmitglieder waren bereits in der Nacht von Donnerstag auf Freitag durchsucht worden.

Sowohl die Großeltern als auch der Vater wohnen in unmittelbarer Nähe der Kirchenstraße 42, aus der der kleine Tim am Donnerstag verschwunden war auf eine Weise, die der Polizei viele Rätsel aufgibt: Monya Hachmann, 21 Jahre alte, allein erziehende Mutter, hatte ihren Sohn gegen 19 Uhr in sein Zimmer gebracht, wo er in voller Bekleidung auf dem Schlafsofa einschlief. Sogar die Schuhe behielt er an. Monya Hachmann beschloss, ihr Kind nicht gleich auszuziehen, sondern erst, wenn es eingeschlafen war.

Doch dazu kam es nicht mehr. Zurück im Wohnzimmer war die Mutter selbst so müde, dass sie bald auf der Couch einschlief. Sie fühlte sich nicht wohl und wachte erst zweieinhalb Stunden später, gegen 22 Uhr 30, auf. Im Kinderzimmer stellte sie erschrocken fest, dass Tim nicht mehr da war.

Fest steht für die Polizei, dass der Zweieinhalbjährige sich durchaus auch allein auf den Weg aus dem Haus gemacht haben könnte.

„Er wäre nach unseren Erkenntnissen dazu in der Lage gewesen“, so Holm. Dass die Mutter, die im Nebenzimmer schlief, dies nicht bemerkt hat, lasse sich auch erklären, so Holm: „Sie war gesundheitlich angeschlagen.“

Aber andere Fragen bleiben, und es sind viele, die die Menschen umtreiben: Welchen Grund sollte Tim am späten Abend gehabt haben, die Wohnung zu verlassen, allein hinaus ins kalte und dunkle Elmshorn zu gehen? Zumal er offensichtlich nicht allein ist, sondern die Mutter im Nachbarzimmer liegt?

Warum hat die Mutter nicht gehört, wie ihr Sohn das Haus verlassen hat entweder allein oder in Begleitung eines anderen? Warum sieht keiner den Jungen auf der Straße, warum spricht ihn niemand an?

Die Ermittlungen der Polizei bringen nur wenig neue Erkenntnisse: Tims Eltern verstehen sich nach anfänglichen Streitereien, von denen Nachbarn berichten, wieder gut.

Der Vater, Thomas H., 26 Jahre alt, wohnt nur wenige Blöcke von der Kirchenstraße entfernt. Auch seine Wohnung und sein Auto wurden von der Polizei durchsucht.

Monya Hachmann hat einen neuen Freund, der im gleichen Haus wohnt. Aber auch er hat nicht gehört, dass Tim das Haus verlassen hat.

Hinweise auf eine Entführung durch einen fremden Mann gibt es nach wie vor nicht: „Warum sollte auch jemand Tim entführen?“, fragt Postbotin Rita Damanski, die die Familie gut kennt. Was bleibt, ist völlige Ratlosigkeit. Tims Großmutter Ursel Hachmann: „Der Tim ist so ein süßer Junge. Wir hoffen alle, dass er bald zurückkommt.“

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