• Immer wieder stürzen Flugzeuge vor New York ins Meer - und die Verschwörungstheorien blühen jedesmal aufs Neue

Welt : Immer wieder stürzen Flugzeuge vor New York ins Meer - und die Verschwörungstheorien blühen jedesmal aufs Neue

Robert von Rimscha

Beim letzten Mal war es der rote Klebstoff. Wer durchs Internet blättert und sich die Tausenden Seiten über den Absturz von TWA 800 ansieht, stößt immer wieder darauf. Spuren fanden sich auf den Sitzen der Unglücksmaschine. Die Verschwörungstheoretiker interpretieren den roten Abrieb als Schmauchspuren von Plastik-Sprengstoff. Die Untersucher des Absturzes haben getestet, was das rote Zeug ist. Es ist kein Klebstoff. Also doch ein Anschlag?

Am 17. Juli 1996 stürzte TWA Flug 800 vor Long Island in den Atlantik, 230 Menschen starben. Mike McCurry war damals Pressesprecher des Weißen Hauses und warnte: "Kein US-Regierungsvertreter mit auch nur einem halben Hirn sollte sich auf irgendwelche Spekulationen einlassen!" Dass die Deutungsversuche dennoch ins Kraut schießen, lässt sich wohl nicht vermeiden. Vor allem nicht, wenn der Atlantik knapp östlich von New York so langsam zu einem Bermuda-Dreieck wird: Am 16. Juli 1999 stürzte hier die Maschine John F. Kennedy Juniors ab. Am Sonntag traf es EgyptAir-Flug 990. Als Folie für die Wahrnehmung des Unglücks dient Amerika die andere Katastrophe, jene von TWA 800.

Alle reden, weil sie reden müssen - weil die Menschen nach 217 Toden Antworten auch da haben wollen, wo es noch keine geben kann. Der Chefredakteur von "Aviation Weekly" sagt: "Das schaut genau wie Lockerbie aus. Beim Start keine Probleme, und plötzlich bumm." Lockerbie in Schottland, das war der Anschlag auf PanAm 103 - der Prozess gegen die Attentäter läuft. Also doch eine Bombe? Bill Clinton sagt: "Es gab keinerlei konkrete Hinweise auf eine Bedrohung. Wir schließen nichts aus."

Gerald Stems ist Anwalt. Er hat Boeing nach dem Absturz einer Lauda-Air-Maschine im Mai 1991 in Thailand angezeigt. 223 Menschen starben damals, und die Ursache fand sich rasch: die Schubumkehr. Die sorgt dafür, dass die Triebwerke beim Landen die Sogrichtung wechseln. Stems setzt jetzt wieder auf die Schubumkehr als Absturzursache. Boeing hatte nach dem Lauda-Air-Absturz den Käufern aller 767-Maschinen geschrieben, sie sollten die Ventile zur Regelung der Schubumkehr überprüfen und ein drittes einbauen. Ob EgyptAir das getan hat, weiß man bei Boeing nicht. Der Absturz von TWA 800 ging laut Untersuchungsbericht auf eine Explosion im Tank zurück. Dass es dort funken konnte, hat mit mangelhaft isolierten Kabeln zu tun. Nach dem Absturz von TWA 800 riet Boeing erneut allen 767-Besitzern, die Verlegung der Kabel in Tanknähe zu überprüfen. Ob EgyptAir es getan tat, auch das wissen die Boeing-Leute nicht.

Der Hersteller aus Seattle ist in die Schusslinie geraten. Da gibt es einen firmeninternen, 19 Jahre alten kritischen Bericht über die Tanks und die Kabel. Seltsamerweise kam das Papier während der jahrelangen TWA-Ermittlungen nicht ans Licht. Erst in diesem Juni wurde es veröffentlicht. Man habe die Untersuchung übersehen, weil sie sich mit Militärflugzeugen beschäftigt habe, erklärt Boeing.

Der Unglücksjet vom Sonntag wurde 1989 nur wenige Tage vor der Lauda-Maschine fertiggestellt. Die beiden Flugzeuge gehören zu den letzten, die vor einem Streik gebaut wurden. Mechaniker hatten sich über dauernde Überstunden und heftige Übermüdung bei der Arbeit beschwert. Waren die Flugzeugbauer so übermüdet, dass ihnen bei den beiden 767-Jets Schlampigkeiten unterliefen? War gar Sabotage im Spiel? Jetzt, da beide Maschinen abgestürzt sind, gilt vieles als möglich.

Sehr vieles. An etlichen US-Tankstellen hängt seit wenigen Wochen ein Schild, das Autofahrer ermahnt, während des Tankens nicht zu telefonieren. Die Handys mit dem roten Balken gehen auf den neuesten städtischen Mythos zurück. Irgendwo soll ein Benzintank unterhalb einer Zapfsäule in Brand geraten sein, weil elektromagnetische Wellen des Telefons das Benzin-Luft-Gemisch entzündeten. Niemand weiß, ob das stimmt. Dennoch hängen jetzt die Warnhinweise an immer mehr Tankstellen. Und Menschen, die an die tödliche Nebenwirkung des drahtlosen Telefonierens glauben, gibt es längst nicht mehr nur in den USA.

Hosni Mubarak glaubt ans Wetter. Dies sei wohl kein Terroranschlag gewesen, hat der ägyptische Staatspräsident nach dem Absturz gesagt. Und angesichts der strengen Sicherheitsmaßnahmen in New York halte er auch einen Sabotageakt für unmöglich. "An der Atmosphäre vor New York muss irgendetwas komisch sein. Das muss jetzt ordentlich untersucht werden, und eventuell muss man halt die Flugrouten ändern und um diese Gegend herumfliegen." Ja, aus dem Atlantik östlich von New York und südlich von Long Island und Massachusetts ist ein neues Bermuda Dreieck geworden. Ob Handy-Wellen, Himmels-Winde oder Boeing-Werker - etwas Gespenstisches scheint da mit makabrer Zuverlässigkeit ein ums andere Mal zuzuschlagen.

Technik und Risiko, das ist ein ungleiches Geschwisterpaar. In Amerika minimiert man das Lebensrisiko, indem man klagt, wenn etwas schiefgeht. Die Angehörigen in Rhode Island und in New York berichten, sie würden ständig von Anwälten kontaktiert, die ihre Dienste anbieten. Es winken spektakuläre Prozesse und viel Geld. Die Hausjuristen bei Boeing fahren schon Sonderschichten.

Anthropologen der Zukunft werden einst erforschen, ob jene, die in Y2K-Panik Trockennahrung horten, dieselben sind, die im Millenniums-Taumel die eigene Ohnmacht durch Verschwörungstheorien bekämpfen. Sie werden entdecken, dass häufig als Hauptvertuscher jene verdächtigt werden, die auch für den als Suizid getarnten Mord am Clinton-Berater Vince Foster verantwortlich sein sollen. Etliche Kommissionen haben Fosters Tod als Selbstmord gewertet, doch Mythen der Neuzeit lassen sich so leicht nicht um die Ecke bringen. Welcher rote Rest-Stoff EgyptAir als Mythos verfolgen wird, wissen wir noch nicht. Ein Vorbild indes gibt es.

Nach dem Absturz von TWA 800 hielt sich hartnäckig das Gerücht, die Maschine mit Zielort Paris sei zum Opfer von "friendly fire" geworden: Die US-Marine habe Raketen getestet und versehentlich den Jet vom Nachthimmel geschossen. Ein bis dahin als seriös geltender US-Journalist namens Pierre Salinger, früher einmal Redenschreiber von Präsident Kennedy, setzte sich an die Spitze der Abschuss-Propagandisten, als er in Frankreich entsprechende Dokumente veröffentlichte. Der Chef der US-Behörde "National Transportation Safety Board" (NTSB), die auf ägyptischen Wunsch auch jetzt wieder an der Untersuchung beteiligt ist, sagte damals: "Natürlich sind auf den Nachtbildern Flecken, die ein ungeübtes Kinderauge für Raketen, Zigarren oder Kratzer halten kann. So arbeiten wir aber nicht."

Um Pierre Salinger ist es seit seinen TWA-Auftritten sehr ruhig geworden. Techniker und all die Spezialisten von FBI und NTSB werden in wenigen Monaten vielleicht wissen, was den Boeing-Jet der EgyptAir ins kalte Wasser zog. Politiker werden die nächsten Tage und Wochen weiter mahnen, sich vorschneller Schlüsse zu enthalten. Wir werden mehr wissen als heute. Wir werden sehen, was mit Hosni Mubaraks Wetter-Theoretikern und den Telefon-Apokalyptikern passiert. Der gemeine Flug-Pessimist weiß nach dem Absturz von EgyptAir 990, was ihm die Y2K-Alarmisten seit Monaten einbläuen. Dies sind keine einfachen Zeiten, wenn man der Zukunft, der Technik und der Welt vertrauen möchte. Es sind gefährliche Zeiten.

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