Welt : Immobilienpreise in New York: Geht die Party weiter?

Andreas Oswald

Bricht jetzt alles zusammen? Nach dem anhaltenden Kursverfall an den Börsen gerät jetzt auch der Immobilienmarkt in Manhattan ins Rutschen. Der Preis für eine Eigentumswohnung in Manhattan ist laut "bloomberg.com" im Februar um vier Prozent auf 201 000 Dollar je Zimmer gefallen. Vier Prozent minus, das ist eine Katastrophe. Denn die Messlatte ist nicht Null sondern plus 25 Prozent. So viel wäre eigentlich zu erwarten gewesen, wenn der Markt sich so weiterentwickeln würde, wie er das in den vergangenen vier Jahren getan hat. Die "New York Times" entlarvte das Gerede von Brokern, nach deren Sprachregelung es um eine "Stabilisierung" des Marktes geht. Davon kann keine Rede sein. Die Preise haben eine völlig andere Richtung eingeschlagen. Sie gehen nicht mehr steil nach oben, sondern nach unten. Aber auch die "New York Times" ist in Teilen des Blattes nicht frei von dem Wunsch, beruhigen zu wollen. In ihrem Lokalteil berichtete sie gestern, die Stimmung sei zwar schlecht, die Lage aber "stabil".

Erschwerend für den Immobilienmarkt kommt hinzu: Den New Yorker Mitarbeitern der Investmentbanken wurden zum Jahresende Rekordprämien im Gesamtwert von 13,3 Milliarden Dollar ausgehändigt. Das ist eine Menge Geld, das eigentlich Immobiliengesellschaften durch höhere Wohnungspreise und Mieten abschöpfen könnten. Die Bankmitarbeiter galten in den letzten Jahren als wichtige Nachfrager, die die Immobilienpreise nach oben trieben. Doch die Leute halten jetzt ihr Geld zusammen, seit ihre Aktien weiter rasant an Wert verlieren und viele Leute ihre Jobs verlieren.

Die "New York Times" stellte fest, dass sich die Gespräche beim Essen verändert haben. Schon vor Monaten hörten die Prahlereien, wie toll die Aktien steigen, auf. Dann kamen die Geschichten, wie irgendein Ex-Cyber-Milliardär, den man angeblich kennt, wieder bei seiner Mamma einziehen musste, weil er blank war. Auch diese Stories sind alt. Dann kamen in den letzten Wochen die Geschichten, wie stolz man war, noch rechtzeitig für einen guten Preis die Wohnung gekauft zu haben. Auch diese jüngste Rede ist jetzt verstummt. Die Leute sitzen in ihren teuren Wohnungen, die jetzt an Wert verlieren.

Wer freut sich? Diejenigen, die finden, Donald Trump sei ein Angeber, und sich wünschen, dass er jetzt in der Patsche sitzt. Aber der Immobilien-Tycoon schwimmt immer oben. Von ihm wird die Anekdote kolportiert, er habe, als er das letzte Mal vor Jahren in der Patsche saß, bei einem Spaziergang mit einer blonden Frau auf einen Bettler gedeutet und ihr gesagt: "Guck mal, dieser Bettler ist reich, er hat genau 900 Millionen Dollar mehr als ich."

Wer freut sich noch? Vielleicht jene, die seit mehreren Jahren in einem der angesagten Viertel in Manhattan wohnen, und denen die Mieten und Preise über den Kopf wachsen. In der Tat kann man kaum mit ansehen, wie viele Antiquitätenläden und Bars im East Village schließen müssen, weil sie die Miete nicht mehr erwirtschaften können. Welche Zerstörung die Spekulation anrichten kann, zeigt das Beispiel von John in der neunten Straße, Ecke Avenue A am Tompkins Square Park.

John verkaufte 70er-Jahre-Trödel. Sein Laden war einer von vielen, die Kuriositäten und die neueste Mode von East-Village-Designerinnen verkaufen. Johns Laden war Anlaufpunkt vieler Leute aus der Nachbarschaft. Oft entstanden hier spontane Straßenparties. Die Spekulation hat dem East Village in den vergangenen Jahren einen ungeheuren Boom beschert. Studenten und junge Berufstätige zogen in dieses Szeneviertel und bildeten die Kundschaft der Friseure, Mode- und Trödelläden und Bars, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Jana, 28 Jahre alt, kam vor einem Jahr aus San Francisco mit einem Koffer ins East Village. Am ersten Tag nahm sie als Untermieterin ein Zimmer bei einer Korrespondentin in einem Apartmentkomplex und zahlte 1200 Dollar für zwölf Quadratmeter mit Bad- und Küchenbenutzung. Noch am Abend hatte sie ein Vorstellungsgespräch und fing gleich am zweiten Tag an, Webseiten zu gestalten. "Das ist das höchste Honorar, das ich bislang bekommen habe", sagte Jana.

Anja, 24 Jahre alt, kam aus Zürich, zahlte, ohne mit der Wimper zu zucken, ihre 1200 Dollar für ein 16-Quadratmeter-Zimmer und drehte Videoclips. Nachts eroberte Anja mit einer wilden Crowd in den Clubs und Bars des Viertels. "Soviel Spaß hatte ich selten", sagte sie.

Ist die Party zu Ende? Anja ist wieder in Zürich. Die Mietsteigerungen haben selbst die erste Yuppiegeneration vertrieben, die den Aufschwung mitgetragen hatte.

Die Jobs sind rarer geworden. Und John musste seinen Laden schließen. Die Ironie will es, dass er jetzt seinen Laden im West Village - in Reiseführern Greenwich Village genannt - wieder eröffnet, das eigentlich das ältere, bessere und teurere Viertel ist, das John immer als "etabliert" abgelehnt hat. Und warum kann er sich die Miete dort leisten? Weil Spekulationswellen mitunter in einem aufstrebenden Viertel die Preise so explodieren lassen, dass sie die besseren Gegenden kurzzeitig übertreffen können.

Schade, dass die Spekulationsblase nicht ein paar Monate früher geplatzt ist. Viele Läden hätten vielleicht überlebt und könnten bei realistischen Preisen weiterexistieren.

Die Meldung von der "Stabilisierung" der Immobilienpreise lässt aber all diejenigen aufatmen, die fürchteten, dass Viertel wie das East Village durch die Spekulation ruiniert werden.

Vielleicht kommt Anja wieder. Und die Party geht weiter.

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