Welt : Immunschwäche: Aids hat ein Gesicht

Wolfgang Drechsler

Nkosi Johnson wartet auf den Tod. Regungslos liegt der 11-jährige Junge mit den großen, tief eingefallenen Augen und dem spindeldürren Körper in seinem Johannesburger Kinderzimmer und kämpft mit aller Macht gegen eine Krankheit, die ihn zerstört aber auch berühmt gemacht hat: die Immunschwäche Aids. Wenn Nkosis Adoptivmutter, die weiße Südafrikanerin Gail Johnson, den leichten Körper des schwarzen Jungen anhebt, baumeln seine langen, dünnen Glieder über das Bett. Ein in die Nase eingelassener Schlauch versorgt ihn alle zwei Stunden mit Vitaminen und Tabletten. Für Nkosi, so sagen die Ärzte, gibt es keine Hoffnung mehr - Nkosi hat Aids im Endstadium.

Millionen Südafrikaner trauern und beten für den kleinen schwarzen Jungen. Zeitungen und Radio berichten täglich über seinen Zustand. Und im Wohnzimmer seines Hauses in Johannesburg stapeln sich Geschenke, Kondolenzschreiben und Genesungskarten. Elf Jahre lang, länger als jedes andere Kind am Kap, lebt Nkosi nun bereits mit dem Virus und hat in den letzten Jahren unermüdlich gegen die Diskriminierung von HIV-Infizierten am Kap gefochten. Dabei hat er, wie kein anderer, einer Krankheit ein Gesicht gegeben, die in Afrika noch immer mit einem schweren Stigma behaftet ist.

Unvergeßlich bleiben wird Nkosi aber vor allem für seinen Auftritt beim Welt-Aids-Kongress im südafrikanischen Durban vor einem halben Jahr, als der kleine Junge vor 12 000 Delegierten in einem übergroßen Anzug auf die Bühne trat und bewegend sein Leben und Leiden schilderte.

Die Bedeutung des kleinen Aids-Waisen für Südafrika, wo HIV-Infizierte wie Nkosis leibliche Mutter noch immer ausgegrenzt werden, läßt sich kaum überschätzen. Vor allem ihm es zu verdanken, dass die Mauer des Schweigens fällt. 4,2 Mill. Menschen sind am Kap HIV-positiv. Und jeden Tag infizieren sich hier 1700 neue Menschen mit dem Virus, davon rund 200 Babies - wie Nkosi - bei der Geburt. Die meisten werden geschnitten oder, wie Nkosis Mutter, verprügelt und aus dem Haus gejagt.

Einen, der eigentlich einen guten Grund für eine solche Visite gehabt hätte, sucht man dort indes vergebens: Präsident Thabo Mbeki, der den direkten Zusammenhang zwischen HIV und Aids in Frage gestellt hat. Wenigstens hat sich Mbeki inzwischen aus der Diskussion um die Aids-Ursachen zurückgezogen. Die meisten Menschen am Kap stehen fassungslos vor der Frage, warum ihr Präsident das sterbende Kind noch immer nicht aufgesucht hat. Stattdessen schickte er seine Frau.

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