Welt : In aller Stille

Die Niederländer haben Abschied von Prinz Claus genommen – er wurde in der Oranier-Gruft in Delft beigesetzt

Stephanie Nannen

Still, friedlich, als würde die Zeit für eine Weile ausgesetzt haben, lag Delft in gräulichem Herbstwetter da. Es schien, als wüßte die mittelalterliche Stadt, was von ihr an diesem Tage, am Tag als Prinz Claus in der Gruft der Neuen Kirche beigesetzt werden sollte, erwartet würde. Die Läden blieben geschlossen, die Kinder hatten schulfrei und auch die Cafés am Marktplatz, an dem die Kirche steht, ließen ihre Gäste mit handgeschriebenen Schildern wissen, dass sie „aus Respekt“ nicht öffnen würden.

Neun Kilometer leitete der Kutscher die sechs Friesen, die vor die mit violettem Tuch ausgeschlagene Kutsche gepannt waren, vom Schloss Noordeinde in Den Haag bis in die nach Delft. Darauf der mit der niederländischen Trikolore ummantelte Sarg mit dem verstorbenen Prinzen, den das Volk liebevoll immer nur Claus nannte. Er hatte das Gefühl vermittelt, einer von ihnen zu sein. Ihm war es gelungen, die Distanz zwischen Königshaus und Volk zu verringern. Wer nun erwartet hatte, dass die Untertanen in Wehklagen, Rufe oder Fahnen-Schwenken ausbrechen würden, wurde von der schweigenden Menge, die diesen letzten Weg säumten, überrascht. Sie weinten, sie waren da und sie zollten Prinz Claus, aber auch seiner Frau, Königin Beatrix, und den Söhnen Constantijn, Willem-Alexander und Johan Friso sowie den Schwiegertöchtern Laurentien und Máxima Respekt, indem sie die Ruhe nicht störten. 6000 Gardesoldaten hielten die Ehrenwache für den vor neun Tagen an einer Lungenentzündung und den Folgen der Parkinsonschen Krankheit Verstorbenen.

Blumenwagen und schwarze Kutschen

Durch das Laub der Kastanien, die das Ufer der Gracht zum Marktplatz säumen, beobachteten die Mittrauernden, wie sich die mit weißen Pfauenfedern und einem weiß-grünen Rosenkranz geschmückte Kutsche mit dem Leichnam dem Delfter Marktplatz näherte. Dahinter der Blumenwagen und die schwarzen Kutschen der Familie. Das letzte königliche Begräbnis war das der 1962 verstorbenen ehemaligen Königin Wilhelmina. Wie damals wurde bei Eintreffen der Kutschen die imposante, neun Tonnen schwere Glocke der nahe gelegenen Alten Kirche geläutet, die sehr selten, nur zu außergewöhnlichen Anlässen in Bewegung gesetzt wird. Das allerdings nicht, weil das Königshaus sich unbedingt Privilegien herausnehmen wollte, sondern weil man bei jedem Klang der schweren Glocke befürchten muss, dass der ohnehin schiefe Kirchturm einstürzt.

Zu diesem Zeitpunkt, Dienstagmittag um 12 Uhr 20 hatten die internationalen Trauergäste, nach einer Verneigung vor der königlichen Standarte am Eingang, bereits ihre Plätze in der Neuen Kirche, der Nieuwe Kerk, eingenommen. In Zuneigung und Verbundenheit mit Prinz Claus waren die Vertreter aller anderen neun europäischen Königshäuser gekommen, darunter König Albert II. von Belgien mit seiner Frau Paola, Königin Margarethe II. und Prinz Henrik aus Dänemark, Prinz Albert von Monaco, und Haakon und Mette-Marit aus Norwegen; Prinz Charles kam nach Delft, auch König Juan-Carlos, Königin Sofia und Kronprinz Felipe von Spanien, um dem Prinzgemahl die letzte Ehre zu erweisen. Aus Deutschland waren Bundespräsident Johannes Rau mit seiner Frau und Ferdinand von Bismarck angereist, zudem Vertreter der Adelshäuser von Sayn-Wittgenstein-Berleburg und Bayern.

Als endlich die niederländische Königsfamilie in der mit weißen Rosen und grünem Laub – den Wappenfarben des Hauses Amsberg zu Ehren – geschmückten Kirche angekommen war, brachten neun Träger den Sarg, stellten ihn auf den Katafalk. Johann Sebastian Bachs Orgelmusik „Erbarm Dich mein, oh Gott“ erklang und Pfarrer Carel ter Linden erklomm die hölzerne Kanzel, um seine Predigt zu beginnen.

Königin Beatrix krampfte die Finger ihrer linken Hand in das Trauerfeier-Programm. Willem-Alexander schluckte. Auch der 91-jährige Vater der Königin, Prinz Bernhard, war gekommen. Ohne seine Frau, die heute 92-jährige, ehemalige Königin Juliana, die an Alzheimer erkrankt ist. Besonders Prinz Claus war es zu Lebzeiten daran gelegen, keine Geheimnisse um die Krankheiten zu machen, die die Familie heimsuchten. Er selbst war früh von schweren psychischen Depressionen gequält und mußte im Alter mit der Parkinsonschen Krankheit kämpfen. Gegen all diese Schmerzen wirkte etwas Stärkeres, so sagte der mit ihm eng befreundete Dichter Huub Oosterhuis, der die Trauerrede hielt. „Man sah es ihm an, er wusste sich als einer von Vielen. Und doch wog etwas anderes das Leid auf: die Verbundenheit mit dem Leben, die Verbundenheit mit seiner Frau und seiner Familie. Wer nun in Willem-Alexanders Gesicht blickt, sieht, wie mühsam er die Tränen zurückhalten kann. Maximá weint. Konstantin blickt starr zu Boden, Königin Beatrix ringt um Fassung. Sie versucht ihre Augen unter der breiten Hutkrempe immer wieder zu verbergen, versucht ein wenig privaten Raum für ihre Trauer zu finden – und bekommt ihn nicht.

„Am Königinnentag besuchte ich Claus im Krankenhaus“, sagte Oosterhuis „wir sahen gemeinsam, wie die Familie im Fernsehen vor die Öffentlichkeit trat, und er sagte: die machen das gut. Sieh, wie sie da stehen. Und da steh ich, da war mein Platz, neben ihr“. Vielleicht waren es diese sehr persönlichen Worte des Freundes, vielleicht die vielen Tränen, die die Anwesenden still und gleichzeitig erschüttert ob des Verlustes weinten, die die Zeremonie, die schließlich auch im Fernsehen übertragen wurde, doch so intim, gefühlvoll und so angemessen für Prinz Claus erscheinen ließ. Für einen Menschen, der als Deutscher in den Niederlanden die Völker einander näher brachte, der an Solidarität und Gerechtigkeit glaubte. Vielleicht war es aber auch das Lied, zu dem die Trauergesellschaft anhob, kurz bevor die Sargträger den Leichnam die Treppe hinab in die Familiengruft des Hauses Nassau-Oranien brachten. Vielleicht verlieh der Gesang dieses Liedes, das sie Claus zu Ehren in deutscher Sprache anstimmten, ein Gefühl davon, das seine Visionen nicht Utopien bleiben müssen: „So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig Ende, und ewiglich“.

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