Welt : In das Entsetzen über die Katastrophe mischen sich bereits bohrende Fragen

Thomas Roser

Grauschwarz stapeln sich hinter den Absperrungen die ausgebrannten Autowracks. Auch zwei Tage nach der Explosionskatastrophe, die den Enscheder Stadtteil Mekkelholt in eine Trümmerlandschaft verwandelte, schwelen in den Ruinen noch immer Brände, steigen Rauchschwaden in den strahlend blauen Sommerhimmel. In vier Bussen werden die Medienvertreter durch die Außenbezirke des verwüsteten Wohnviertels gekarrt. Tiefe Risse durchziehen das Mauerwerk der stehengebliebenen Häuser. Fensterhöhlen und abgedeckte Dächer zeugen von dem Feuertornado, der am Samstag über Mekkelholt hinwegstürmte. Im eigentlichen Brandzentrum habe man mit den Bergungsarbeiten noch nicht beginnen können, berichtet ein Polizeisprecher: "Die Trümmer sind zu heiß. Wir versuchen, sie erst abzukühlen."

Die Bilanz ist erschütternd: Mindestens 15 Menschen kamen in dem Flammeninferno ums Leben, mehr als 600 wurden verletzt, 200 Personen werden noch vermisst: Nach wie vor geht die Polizei indes von insgesamt 20 Todesopfern aus. Doch zwei Tage nach den Detonationen, die das Leben der Menschen von Enschede erschüttern, ist die Grenzmetropole auf merkwürdige Weise zweigeteilt. Während die Rettungskräfte in meterhohen Schuttbergen noch fieberhaft nach weiteren Todesopfern fahnden, scheint der Alltag im wenige hundert Meter entfernten Stadtzentrum seinen gewohnten Gang zu gehen. Hausfrauen flanieren durch die Fußgängerzonen, in den Korbsesseln der Kneipenterrassen räkeln sich Müßiggänger in der Mittagssonne. "Wir müssen halt versuchen, unser normales Leben wieder aufzunehmen", sagt ein Einzelhändler und zuckt mit den Schultern.

Doch nicht nur die beim Rathaus versammelte Armada von Übertragungswagen in- und ausländischer Fernsehstationen kündet von dem Ausnahmezustand, in dem sich die Stadt befindet. Hunderte von Anwohnern drängen sich am Molenplein schon am frühen Morgen vor dem Info-Zentrum der Gemeinde, wo sie sich Aufschluss über die Möglichkeit von Schadensersatzzahlungen für ihren verwüsteten Besitz erhoffen. Viele haben Tränen in den Augen. Sie habe Menschen gesehen, denen die Explosion einen Arm oder ein Bein weggerissen habe, berichtet fassungslos Diana van der Wolde, die direkt nach den ersten beiden schweren Detonationen in den Trümmern nach ihrer Schwester suchte: "Diese schrecklichen Szenen werde ich nie vergessen."

Mekkelholt gilt als "sozial schwaches" Viertel. In Enschede genoss es bisher keinen allzu guten Ruf. In den gedrungenen Backsteinhäuschen des ehemaligen Arbeiterviertels wohnen viele Arbeitslose, Ausländer und Studenten. Bis zum Jahr 2005 sollten die meisten der baufälligen Häuser abgerissen, neue Wohnblöcke errichtet werden. Wegen der Sanierung des Viertels war in zwei Jahren auch die Verlagerung der nun explodierten Lagerhallen auf ein Industriegelände außerhalb der Stadt geplant. Den obdachlos gewordenen Anwohnern bietet allerdings selbst die Zusage, der verwüstete Stadtteil werde schnell wieder aufgebaut, nur wenig Trost. "Ich habe alles verloren", seufzt der 20-jährige Dennis Meijer.

Auf mehrere hundert Millionen Mark soll sich der durch die Explosionskatastrophe verursachte Sachschaden belaufen. "Wir müssen den betroffenen Menschen so rasch wie möglich helfen", sagt Premier Wim Kok. Und: "Es gibt Umstände im Leben, wo Kosten keine Rolle spielen dürfen." Doch nicht nur die Sorge um das Schicksal der traumatisierten Anwohner beschäftigt die Öffentlichkeit. "Wie konnte das passieren?", titelte am Montag in dicken Lettern das Boulevard-Blatt "De Telegraaf".

Denn selbst für Fachleute blieb am Montag rätselhaft, wie der anfangs so harmlos wirkende Brand auf dem Gelände des Feuerwerkproduzenten "S. E. Fireworks" Detonationen von tödlicher Wucht auslösen konnte. "Angesichts der Art und Weise, wie Feuerwerk normalerweise verpackt und gelagert wird, kann es eigentlich nicht zu derartigen Explosionen kommen", wundert sich Gerrit Wagenvoort, der Vorsitzende der Vereinigung für Feuerwerksveranstalter. Und: "Verpacktes und in getrennten Lagern aufbewahrtes Feuerwerk kann auch bei großer Hitze nicht einfach mit einem großen Knall explodieren", beteuert Karel Haarmans, der in Enschede ebenfalls ein Feuerwerkunternehmen betreibt.

"Am eigenen Feuerwerk verbrennt man sich nicht gerne", ist auf der Internetseite von "S. E. Fireworks" zu lesen. Das Unternehmen galt bislang als eines der renommiertesten der heimischen Branche. Seit 1976 lagerte die Firma in der ehemaligen Textilfabrik in Mekkelholt ihre in China gefertigten Sprengstoffe, mit denen sie Feuerwerke für Großveranstaltungen zusammenstellt. Selbst Konzerte der Rolling Stones und von Madonna wurden mit Feuerwerken aus Enschede gekrönt. Regelmäßig kontrollierte die niederländische Armee die mitten in einem Wohnviertel gelegene Lagerhalle. Erst vergangene Woche stellte sie ein positives Gutachten aus. Die Firma sei noch nie negativ aufgefallen, versichert eine Sprecherin der Stadt. "Alles war in Ordnung, aber dennoch passierte eine Katastrophe", bemerkt sarkastisch die Tageszeitung "De Volkskrant": "Warum stand das Lager mitten in einem Wohnviertel? Wurden die Sicherheitsauflagen tatsächlich erfüllt?"

Anonyme Konkurrenten von Fireworks warfen dem Unternehmen am Montag vor, aus Kostengründen statt ausschließlich verpackter Sprengkörper auch loses Pulver bei der Zusammenstellung ihrer Feuerwerke verwendet zu haben. Haarmans, der den Betrieb gut kennt, kann sich den "unmöglichen Brand" indes nur mit bewusster Sabotage, Brandstiftung oder als Folge eines Einbruchs erklären. Tatsächlich wüteten in Enschede in der vergangenen Woche fünf Brände, bei denen die Justiz inzwischen wegen des Verdachts auf Brandstiftung ermittelt. Neue Nahrung erhielten die Spekulationen über den mysteriösen Brandstifter durch einen weiteren Brand in der Nacht zum Montag: Bei einem Feuer in einem Gebäude in der Jupiterstraat fand die Feuerwehr nicht einen, sondern gleich zwei Brandherde.

Die anhaltende Ungewissheit über die Brandursache verstört die Bürger der 150.000-Einwohner-Stadt. Doch es ist nicht allein das: "Wir wussten nicht mal, dass wir in einer Gegend wohnen, in der derart gefährliches Zeugs gelagert wird", entrüstet sich ein Anwohner. Auch die meisten Stadträte waren offenbar völlig ahnungslos, welch hochexplosive Stoffe mitten in Mekkelholt gelagert wurden. Selbst Bürgermeister Jan Mans muss eingestehen, er habe von der Existenz der Lagerhalle nichts gewusst. "Ich habe es nicht gewusst", haucht er auf Deutsch schuldbewusst in das Mikrofon eines TV-Senders aus dem Nachbarland.

"Jeder, der hier seinen Balkon um fünfzig Zentimeter erweitern will, braucht eine ganze Latte von Genehmigungen", wundert sich die Parlamentsabgeordnete Marja Wagenaar: "Irgendwas muss schief gegangen sein." Außerdem sei die Erteilung von Betriebsgenehmigungen in der Regel nicht Sache des Gemeinderats, sondern Angelegenheit von "fachkundigen Experten", sagt indes Marijke van Hees, die aus Enschede stammende Parteichefin der sozialdemokratischen PvdA: "Als Gemeinderat verfügt man einfach nicht über das Wissen, um Risiken genau beurteilen zu können. Man muss auf die Fachkenntnis der zuständigen Beamten vertrauen können."

Insofern offenbart die Katastrophe von Enschede die Kehrseite des häufig gepriesenen "Poldermodells" in den Niederlanden. Oft setzen sich beim harmonischen Ringen der Parteien um einen Konsens "fachkundige Experten" mit dem Hinweis auf Sachzwänge durch. Die Politik hat in diesen Fällen ihr Primat längst an Verwaltung und Wirtschaft abgetreten. Selbstständig und kreativ setzt die Beamtenschaft im Königreich die Vorgaben der Politik in die Praxis um. Einerseits ist die niederländische Verwaltung dadurch vergleichsweise innovativ und effektiv, andererseits drohen selbst auf lokalem Niveau die Politiker als Aufsichtsherren gegenüber ihren selbstbewussten Beamten hoffnungslos ins Hintertreffen zu geraten.

Selbst die Enscheder Feuerwehr schien sich der Gefährlichkeit der bei Fireworks gelagerten Stoffe nicht bewusst gewesen zu sein. Mit viel zu wenig Personal war sie zu dem vermeintlichen Kleinbrand angerückt, um die zahlreichen Schaulustigen bei den Löscharbeiten auf eine sichere Entfernung abdrängen zu können. Man sei davon ausgegangen, dass die Hallen ausreichend gegen Außenbrände gesichert seien, sagt kleinlaut der zuständige Kommandant. Das war ein folgenschwerer Irrtum. Wegen eines "Einschätzungsfehlers" der Feuerwehr habe es "unnötig viele" Tote und Verwundete gegeben, ärgert sich Piet van der Torn, Direktor des Niederländischen Instituts für Notfallmedizin (NIVU) in Utrecht.

Eine "unabhängige Untersuchung" kündigte Bürgermeister Mans am Montag an, um alle Ungereimtheiten so rasch wie möglich aufzuklären. Das Vertrauen in den Staat jedenfalls sei durch die Ereignisse in Enschede auf ein "Minimum" gesunken, mahnt der TV-Moderator Rocky Tahuteru. Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein.

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