• In den Baumwipfeln trotzen Tausende Menschen den Fluten - Südafrikanische Hubschrauberpiloten sind die Helden von Mosambik

Welt : In den Baumwipfeln trotzen Tausende Menschen den Fluten - Südafrikanische Hubschrauberpiloten sind die Helden von Mosambik

Christoph Link

Es sind Szenen der Verzweiflung, aber auch des festen Willens zum Überleben: Mit letzter Kraft klammern sich Menschen in Bäumen fest, sie harren tagelang aus auf den Wellblechdächern ihrer Häuser und warten auf die Rettung aus der Luft. An Seilen lassen sich die Retter hinab, umklammern die Flutopfer und lassen sich mit ihnen hinauf in den Hubschrauber ziehen. Immer wieder zeigen Fernsehsender die Bilder von einem Jungen, der aus den Armen des angegurteten Luftretters gleitet, mit dem Kopf in den braunen Wassermassen untertaucht und dann doch in letzter Sekunde noch am Arm gepackt und herausgezogen werden kann in den sicheren Helikopter.

Eine BBC-Radiorepoterin berichtet von einer mit Menschen überfüllten Brücke, die wie eine Insel aus den Fluten ragt und auf der sich Dorfbewohner mit wenigen Habseligkeiten gerettet haben und auf die Luftrettung warten. Die Frauen haben sich bereits eingerichtet, sie garen auf provisorischen Feuerstellen Maiskolben für ihre Familien. Die Zufluchtsstätte für Tausende sind die Baumwipfel, und ein Schicksal rührt die Mosambikaner in der Hauptstadt Maputo besonders: Die 22-jährige hochschwangere Sophia Pedro harrte gemeinsam mit einem Dutzend anderer Frauen und Kinder vier Tage lang in einem Baum bei Chibuto aus, dann gebar sie in den Ästen liegend ein Kind. Die kleine Rositha und die Mutter konnten von einem Helikopter geborgen werden, beide sind wohlauf. "Ich war von Freude erfüllt, als ich den Hubschrauber hörte", sagte Sophia Pedro einer im Helikopter mitfliegenden Reporterin von AFP und schaukelte ihr in blutige und staubige Tücher gehülltes Kind. Eine Sanitäterin der südafrikanischen Militärs nahm die Erstversorgung an Bord vor und entsorgte zunächst einmal die Plazenta.

Von der besonders stark betroffenen Region Chibuto, wo der Fluß Limpopo und der Changane zusammenfließen, sind es nach Maputo eine Stunde Flug mit dem Hubschrauber. Den Besatzungen bietet sich ein Bild des Jammers, ein einziges Meer von Schlamm und Wasser, nur die konischen Dächer der traditionellen Hütten ragen noch heraus. Von den Bäumen aus winken ihnen die Überlebenden zu.

Nicht nur Menschen, auch kleinere Tiere wie Hunde oder Ziegen haben sich in die Bäume geflüchtet, einzelne Rinder schwimmen noch im Wasser, nur der halbe Kopf und die Hörner sind noch zu sehen. Totes Vieh treibt mit aufgedunsenen Bäuchen auf der Wasseroberfläche.

Mosambik wird regelmäßig von Flutkatastrophen heimgesucht, die Auslöser sind Wirbelstürme, die von Madagaskar und dem Indischen Ozean heraufziehen und heftige Regenfälle mit sich bringen. Seit 1996 gab es jedes Jahr einen Zyklon und mit ihm Überschwemmungen mit Tausenden von Obdachlosen und vielen Toten. 1998 starben 72 Menschen, ein Jahr zuvor 78. Doch die jetzt vom Zyklon Eline ausgelöste Katastrophe gilt als die schrecklichste Flut seit einem halben Jahrhundert.

Neben dem südlichen Mosambik sind auch Teile von Südafrika, Botswana und Simbabwe betroffen. Joaquim Chissano, der Präsident von Mosambik, rechnet mit mindestens 200 Toten in seinem Land, mit einer Million Obdachlosen und einer Million Menschen, deren Ernte zerstört wurde oder die ihr Hab und Gut durch die Wassermassen verloren haben. "Wir sprechen heute von 200 Toten, doch wir wissen, dass noch viele andere Menschen durch die Flut einfach davongetragen wurden." Nachrichtenagenturen berichten von fast 400 Toten in den Überschwemmungsgebieten aller vier betroffenen Staaten.

Chissano hat die Weltgemeinschaft um eine Finanzhilfe von 65 Millionen Dollar für Mosambik gebeten, die Europäische Union hat gestern eine Nothilfe von einer Million Dollar bewilligt, Deutschland hat sogar Gelder in Höhe von 1,5 Millionen Dollar für eine Nothilfeaktion bewilligt. Doch in Mosambik wächst die Kritik daran, dass die eigene, nationale Armee bisher erst wenig zur Rettung der Flutopfer getan hat.

Die Südafrikaner, die schon in früheren Jahren bei der Luftrettung führend waren, sind auch jetzt wieder die aktivsten und mit vier Flugzeugen und acht Hubschraubern im Einsatz. Die USA haben ebenfalls starke technische Hilfe angekündigt: Sie wollen sechs Transportflugzeuge des Typs C 130 nach Mosambik schicken sowie sechs Transporthubschrauber. Eine für Kamerun im März geplante Rettungsübung des amerikanischen Militärs mit 500 Marines und 100 Sanitätern soll nach Mosambik umgelenkt werden und dort Katstrophenhilfe leisten. Deutschland will offenbar 25 Hubschrauber und mehrere kleine Flugzeuge nach Maputo schicken. Doch im südlichen Afrika wachsen die Zweifel angesichts der massiven Luftunterstützung. Es sei nicht sinnvoll, noch weitere Hubschrauber nach Mosambik zu schicken, sagte der südafrikanische Verteidigungsminister Patrick Lekota. Der Luftraum über den Überschwemmungsgebieten sei schon überfüllt, mit weiteren Maschinen wachse die Gefahr von Kollisionen. Allerdings wird eine Entlastung des Flugpersonals dringend notwendig sein, nach eigenen Angaben südafrikanischer Piloten sind viele von ihnen seit Tagen pausenlos im Einsatz.

Mehr Fluggerät war von Hilfsorganisationen, von Ärzte ohne Grenzen und Ärzte der Welt angefordert worden. Die Mediziner halten die Luftrettung für nicht ausreichend, auch müssten ihrer Ansicht nach Menschen aus den vom Wasser umzingelten Gebieten ausgeflogen werden, denn sonst drohten Epidemien wie beispielsweise die Cholera.

Mit einem Ende der Flutkatastrophe wird vorerst nicht zu rechnen sein. Die Meteorologen brachten für Mosambik gestern schlechte Nachrichten: Über Nordmadagaskar braue sich der nächste Wirbelsturm zusammen, mit dem Namen Gloria. Er könnte in der nächsten Woche weitere heftige Regenfälle für den Süden Mosambiks bringen.

Für die nur 17 Millionen Einwohner Mosambiks sind die Flutkatastrophen eine schwere Belastung. Nach dem Ende eines 16 Jahre währenden Bürgerkrieges erholt sich die Wirtschaft des Landes langsam, die Wachstumsraten lagen zuletzt bei zehn Prozent. Doch das Niveau des Lebensstandards weist Mosambik als eines der ärmsten Länder der Welt aus. Das Bruttosozialprodukt pro Einwohner liegt bei nur 140 Dollar.

Mosambik galt als Musterknabe der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds und wurde von beiden finanziell unterstützt. Angesichts der Naturkatastrophe hat eine Gruppe von Gewerkschaftern und Nicht-Regierungsorganisationen in Maputo gefordert, Mosambik müsse die Zahlung seiner Auslandsschulden in Höhe von 5,6 Milliarden Dollar jetzt aussetzen. Man könne sich den "Luxus" des Schuldendienstes nicht mehr leisten. Nun gehe es darum, Seuchen zu verhindern und die Flutschäden zu reparieren. Doch noch haben die Wassermassen den Süden Mosambiks fest im Griff.

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