Welt : In den Mercedes verkrochen

Ehemals wohlhabendes Ehepaar lebte im Auto – Sozialdrama entsetzt Hannover

Thorsten Fuchs[Hannover]

Die Spuren sind erst auf den zweiten Blick zu erkennen, erst dann, wenn man sich nah an die Scheiben beugt. Die zusammengeknüllten Strümpfe vor dem Beifahrersitz. Die Wassertropfen an den Innenseiten der Scheiben, wie in einem schlecht gelüfteten Schlafzimmer. Die vielen Haare auf den Polstern, die Taschen, die Notizbücher im Fußraum. Es sind die Spuren eines sozialen Dramas. All diese Dinge finden sich in einem Mercedes auf einem Parkplatz nahe dem Tiergarten, mitten in dem noblen Hannoveraner Stadtteil Kirchrode, und alles spricht dafür, dass dieser Wagen für ein Ehepaar von 76 und 66 Jahren zur Wohnung wurde. Wochenlang sollen sie hier gelebt haben. In ihrem Auto.

Es ist eine Geschichte von Not, von Abstieg und der Schwierigkeit, sich damit abzufinden. Es ist eine Geschichte mit vielen Rätseln, aber auch mit tragischen Gewissheiten. Fest steht, was am Montagnachmittag geschah. Da spricht der 76-jährige Reinhard R. auf dem Parkplatz eine Frau an, die auf dem Weg zum Tiergarten ist. Ihm gehe es nicht gut, sagt Reinhard R. höflich. Er ist nicht rasiert, die Haare sind strähnig, die Kleidung fleckig. Als verwahrlost werden Helfer seinen Zustand später beschreiben. Ob sie einen Krankenwagen rufen könne, fragt er die Frau. Der Polizei, die zusammen mit den Sanitätern eintrifft, erklären Reinhard und Irmgard R., dass sie wegen eines Erbschaftsstreits in finanzielle Schwierigkeiten geraten seien. Dass sie keine Hilfe vom Staat wollten. Und dass sie sich deshalb für ihren Mercedes als Bleibe entschieden hätten. „Vorübergehend.“

Einen Monat ist das her. Fahren konnten sie mit dem Auto nicht. Es ist seit drei Monaten abgemeldet. Wie kann es dazu kommen, dass ein älteres Ehepaar ein Leben auf der Straße allen Hilfen vorzieht? Eine Spurensuche in einem Mehrfamilienhaus in Kirchrode, dort, wo die R.s zuletzt wohnten. Ein Neubau, wohl 80er Jahre. Modern, nackter Beton, sehr grau. Hier wohnten sie in einer Dreizimmerwohnung, zur Miete. Man kenne einander nicht gut hier, sagt eine Bewohnerin. Aber die Sache mit den R.s, die habe sich herumgesprochen. In ihrem Wohnzimmer steht der Zigarettenrauch. Sie hat Zeit. Was sie erzählt, sind Bruchstücke gemeinsamen Lebens, das früher zu den besseren und zuletzt nicht mal zu den guten gehörte. Da war das gemeinsame Modegeschäft in der City, das früher sehr gut lief und das sie schon lange aufgegeben hätten. Dann mehrere Umzüge, bis sie, „vor vier, fünf Jahren“, in dieses Haus gekommen seien. Eine Zeit lang sei der Strom abgestellt gewesen, „im Haus wusste man das“, so freundlich und tadellos gekleidet die R.s auch erschienen. „Von außen war nichts zu sehen.“ Doch sie seien die Miete schuldig geblieben, bis es zur Räumungsklage kam. Frau R. habe an ein Erbe geglaubt, Hilfe habe sie nicht nötig, sie doch nicht. „Das ist alles nur ein Irrtum“, soll sie gesagt haben.

Dann verließ sie die Wohnung und zog mit ihrem Mann in das Auto. Die Helfer haben das Paar ins Vinzenz-Krankenhaus gebracht. Schwere gesundheitliche Schäden hat die Zeit im Wagen bei beiden offenbar nicht hinterlassen. Was aus ihnen wird, ist aber noch unklar. Betreut werden sie jetzt vom Sozialdienst des Krankenhauses. „Wir versuchen, das Umfeld zu sondieren und die Verhältnisse zu regeln“, sagt der Ärztliche Direktor Jens Albrecht. Vor allem gehe es nun um eine Perspektive – und um Ursachenforschung. Sicher, sagt ein Helfer, sei bislang nur eines: „Es müssen sehr schwierige Verhältnisse gewesen sein, die sie zu diesem Schritt bewogen haben.“

Es ist ein Schicksal, das viele bewegt, und das bekamen die Mitarbeiter des Vinzenz-Krankenhauses gestern zu spüren. Nicht nur, dass sie das Ehepaar aus Kirchrode vor Medienanfragen aus ganz Norddeutschland abschirmten – sie konnten auch Hilfsangebote notieren. Hannoveraner boten Wohnungen an, in die die obdachlosen Rentner einziehen könnten, aber auch Spenden gegen die Not. Im Krankenhaus werden die Angebote nun geprüft.

Was bleibt, ist die in manchem rätselhafte Geschichte eines Paares, das von gehobenem Wohlstand in die Niederungen finanzieller Not fiel und große Probleme hatte, seine Verhältnisse anzuerkennen und sich auch auf sie einzustellen. An der Verzweiflung wie auch ihrer Überforderung muss man wohl dennoch nicht zweifeln. Inzwischen, heißt es, hätten sie ihre Lage aber erkannt und seien bereit, Hilfe anzunehmen.

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