Welt : In den Schulen geht die Angst um

Alarm in Baden-Württemberg: Nach einem angekündigten Massaker hat sich ein Gesuchter getötet

Helmut Seller[Karl],Offenburg Michael Nückel[Karl]

Mit einer Maschinenpistole in den Händen bewacht Sabine Sorichter von der Bereitschaftspolizei den Eingang, ihr Kollege Rochus Becherer durchsucht erstaunte Schüler, die zu spät kommen. Hier auf dem Technischen Gymnasium in Offenburg ging der Verdächtige zur Schule. Er ist zu diesem Zeitpunkt verschwunden, verschwunden mit einer Schusswaffe, und die Polizei fahndet nach ihm. Zu Fuß, mit Autos, mit Hubschraubern. Wird der Schüler eine Drohung wahr machen, von der die Polizei erfahren hat? Die Androhung eines Massakers?

Auch in Neuried-Ichenheim, wo der verdächtige Schüler bis 2005 die Realschule besucht hatte, war das Polizeiaufgebot groß. Hier entschloss sich Rektor Peter Kunkel, den Unterricht ausfallen zu lassen. Die Schüler wurden in der Sporthalle versammelt und wieder nach Hause geschickt.

Im Technischen Gymnasium in Offenburg läutet es. Klassenweise kommen die Schüler aus dem Haupteingang, alles läuft ruhig und geordnet ab. Kommentare geben sie zunächst nicht ab: „Wir dürfen nix sagen“, sagt ein Junge und geht wortlos weiter, andere scherzen ob des Medienrummels, bieten „Infos gegen Geld“ oder senden die Neuigkeiten per SMS an Freunde. Die Polizei geleitet den Schülertross zum Bahnhof, auch an den Bushaltestellen sind Beamte postiert und vermitteln Sicherheit. „Gesicherter Abgang“ heißt das im Fachjargon von Polizeichef Renter.

Die Angst vor einem im Internet angekündigten Massaker an einer Schule in Baden-Württemberg hat am Mittwoch nicht nur das badische Offenburg in Angst versetzt. Auch an den anderen 4300 Schulen Baden-Württembergs herrscht angespannte Nervosität. Droht wirklich das Massaker eines Schülers, wie für diesen Tag angekündigt? Am Vorabend gegen 17 Uhr hatte das Kultusministerium in enger Abstimmung mit dem Innenministerium erst alle Schulleiter per E-Mail und dann die Presse über den „Verdacht auf einen Amoklauf“ unterrichtet. Die Polizei kündigte verstärkte Präsenz in und um die Schulen herum an, Schulen und Eltern wurden zu erhöhter Aufmerksamkeit und gegebenenfalls zur Zusammenarbeit mit der Polizei aufgefordert. Als gestern Morgen um fünf Uhr ein besorgter Vater bei der Offenburger Polizei anruft und seinen 18-jährigen Sohn samt Waffe und Munition – eine Pistole des Großvaters aus dem Zweiten Weltkrieg – als vermisst meldet, werden Sonderkommandos der Polizei nach Offenburg geschickt.

Ob der 18-Jährige, nach dem die Polizei mit Spezialkräften und Hubschraubern fahndete und der am frühen Nachmittag in einem Waldstück bei Lahr tot aufgefunden wird, wirklich jener Unbekannte war, der sich am 26. November über einen Internet-Chat mit dem Absender „amoklauf@6.Dezember“ ins Gewaltspiel Counter-Strike einloggte, bleibt vorerst offen. Dass der als introvertiert und selbstmordgefährdet geltende Schüler selbst früher bei Killerspielen mitgemacht hatte, wurde noch gestern ermittelt. „Augenblicklich haben wir aber keinen Hinweis, dass es eine Verbindung zu dem angekündigten Amoklauf gibt“, sagte gestern der Innenminister Heribert Rech.

Die Warnung hat viele Eltern und Schüler des Landes verängstigt. Kann man seine Kinder am heutigen Nikolaustag zur Schule schicken, ohne sie zu gefährden? Darf man sie zu Hause behalten? Im Karlsruher Fichtegymnasium hat die Rektorin kurzerhand den Eltern die Entscheidung abgenommen. „Mir geht die Sicherheit der Schüler vor“, sagt Ingeborg Kraus später den Reportern ins Mikrofon. Sie hat in aller Frühe die Eltern informiert. „Mich erreichte um 6 Uhr 51 der Anruf, dass heute im ,Fichte’ keine Schule ist“, berichtet der Vater Martin Sauerteig.

Seit dem 4. Dezember versuchte die Polizei fieberhaft, den Chatter zu finden. Zwei Schüler aus dem angrenzenden Rheinland-Pfalz hatten sich am 1. Dezember ihrem Schulleiter gegenüber offenbart: Ein anonymer Mitspieler im Internet habe angedroht, am Nikolaustag an seiner Schule in Baden-Württemberg ein Massaker zu verüben. Zunächst ermittelte die rheinland-pfälzische Polizei, am Montagabend wurde das baden-württembergische Landeskriminalamt hinzugezogen. Der Absender „amoklauf@6.Dezember“ konnte nicht festgestellt werden. Die Polizei sei erfahren mit Trittbrettfahrern, doch in diesem Fall seien die Informationen „so ernsthaft, so konkret“ gewesen, dass es richtig gewesen sei, „mit hohem Aufwand – über 4000 Polizisten waren gestern im Einsatz – so vorzugehen, sagte Rech gestern. Von hausinternen Bedenkenträgern wollte man nichts wissen. Auch für Rau gab es keine Alternative: „Stellen Sie sich vor, es passiert etwas, ich hätte von der Drohung Kenntnis gehabt, aber nichts unternommen: Ich würde mir das mein Leben lang nicht verzeihen.“

Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann, selbst Lehrer, äußerte Verständnis: „Man muss annehmen, dass die Regierung in einer solchen prekären Ausnahmesituation nach bestem Wissen und Gewissen handelt.“ Ganz und gar anderer Meinung ist Oppositionsführerin Ute Vogt. Die frühere SPD-Staatssekretärin im Bundesinnenministerium gab sich „fassungslos, dass man sich mit einem solchen Thema so in Szene setzt. Die Sicherheit nimmt nicht zu, wenn man die Bevölkerung in breitem Umfang verunsichert“. Besser hätte man versucht, „die Medien um Stillschweigen zu bitten, es geht immerhin um Kinder, die in Panik geraten können“.

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