Welt : In der Abwechslung liegt die Würze

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Von Adelheid Müller-Lissner

Gibt es etwas Besseres als Mozzarella mit Tomate und Basilikum? Oder eine thailändische Garnelensuppe mit Lemongrass? Kann man Babys etwas Besseres antun, als ihnen vor dem Schlaf Fencheltee zu geben? Unter stillenden Müttern ist so genannter Stilltee, der Fenchel und Anis enthält, der Renner. Die Bundesgesundheitsbehörden haben am Montagabend Alarm geschlagen. Es geht nicht um Gift, das in die Lebensmittel gelangt ist. Es geht um die Giftigkeit von Pflanzen an sich. Basilikum, Lemongrass, Anis und Fencheltee – wer hätte gedacht, dass sie Krebs verursachen und das Erbgut schädigen können? Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) in Berlin, das aus dem ehemaligen Bundesgesundheitsamt hervorgegangen ist, empfiehlt, den "dauerhaften und regelmäßigen Verzehr" solcher Kräuter und Gewürze einzuschränken, die bestimmte pflanzliche Inhaltstoffe enthalten: Estragol und Methyleugenol.

In Maßen unbedenklich

Diese Stoffe sind ganz natürlich. Und dennoch bergen sie Gefahren. Die Dosis ist entscheidend. Verzehr in Maßen ist unbedenklich. Doch die tägliche Aufnahme über mehrere Jahre hinweg kann erhebliche Folgen haben. „In erster Linie geht es uns bei dieser Empfehlung um Fencheltees, die Eltern ihren kleinen Kindern gern regelmäßig geben, weil sie so gut gegen Blähungen wirken", erklärte dazu BgVV-Pressesprecher Thomas Schlicht. Der Tee solle allerdings nicht ganz vom Getränkeplan der Babys gestrichen werden, die Eltern sollten nur dafür sorgen, dass er im Wechsel mit anderen Tees zum Einsatz kommt. Auf den Packungen, die man in der Apotheke kaufen kann, steht schon heute: Nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt oder Apotheker über einen längeren Zeitraum verabreichen! Zudem könne die Industrie Maßnahmen ergreifen, um den Gehalt an Estragol und Methyleugenol zu reduzieren. Beim BgVV versichert man, verschiedene Hersteller hätten schon erste Schritte unternommen, um den Gehalt dieser pflanzlichen Inhaltsstoffe möglichst unter die Nachweisgrenze zu senken, vor allem bei Produkten, die von Kindern konsumiert werden.

Auch Estragon enthält, wie schon der vermuten lässt, den Inhaltsstoff Estragol. Außerdem gehören beliebte Kräuter und Gewürze wie Basilikum, Lemongrass, Anis, Piment und Muskatnuss zu den Estragol-haltigen Lebensmitteln. Was macht den pflanzlichen Inhaltsstoff gesundheitlich bedenklich? Der wissenschaftliche Ausschuss für Lebensmittel (SCF) der Europäischen Union hat in zwei wissenschaftlichen Stellungnahmen zusammengetragen, was bisher über die krebsauslösende und erbgutschädigende Wirkung bekannt ist. Demnach haben Tierstudien ergeben, dass hohe Dosen von Estragol beziehungsweise seines Stoffwechsel-Produkts 1-Hydroxyestragol bei Mäusen Leberkrebs hervorrufen können. Bei Versuchen im Reagenzglas zeigten sich außerdem in Zellen Veränderungen der Erbsubstanz, und das konnte im Tierversuch bei Ratten bestätigt werden, denen eine sehr hohe Dosis Estragol gespritzt oder zu fressen gegeben wurde. Wegen der vergleichsweise kleinen Mengen von Gewürzen und Kräutern, die erwachsene menschliche Esser normalerweise zu sich nehmen, schätzt das BgVV die Gefahr allerdings als sehr gering ein. Zudem betont man bei der Verbraucherschutz-Behörde: „Untersuchungen, die eine unmittelbare Gesundheitsgefährdung beim Menschen belegen, liegen bisher nicht vor." Einstweilen kann deshalb auch kein Schwellenwert angenommen werden, von dem an die beiden Stoffe Krebs auslösen oder das Erbgut schädigen könnten. Der SCF hat folglich auch keine Aufnahmemenge festgelegt, ab der es kritisch würde.

Auch wenn keine konkreten Schwellenwerte genannt werden können und schon gar kein Anlass für ein Verbot der genannten Lebensmittel besteht, sieht das Institut seine Aufgabe darin, den Verbraucher möglichst umfassend und früh über den aktuellen Wissensstand zu unterrichten. Nur so habe es die Möglichkeit, „sein Verzehrverhalten entsprechend seinem individuellen Vorsorgebedürfnis zu gestalten".

Das konkrete Krankheitsrisiko können die Wissenschaftler nicht abschätzen. Es geht also um Vorsorge, nicht um eine unmittelbare Gefahr. Was bedeutet das nun konkret für den Liebhaber von Mozzarella Caprese und Spaghetti al Pesto mit frischem Basilikum oder von grünen und roten Thai-Gerichten mit Lemongrass? „Nichts weiter, als dass man ab und zu ein oder zwei Tage Pause bei diesen Kräutern einlegen sollte", sagt Schlicht. Auf Kräuter und Gewürze ganz verzichten sollte man keinesfalls: Sie regen schließlich die Verdauung an und machen Speisen auch ohne viel Salz schmackhaft.

Da fast jede Pflanze Stoffe enthält, die in größeren Mengen für den Konsumenten giftig sind, wird schon seit langer Zeit vor Einseitigkeit beim Essen gewarnt. Beruhigend, dass Ärzte, Lebensmittelchemiker und Giftexperten immer wieder einen Ratschlag geben, den auch der Feinschmecker normalerweise nicht verschmäht: Abwechslung und Vielfalt bei der Auswahl der Lebensmittel vermindern gesundheitliche Risiken.

Und erhöhen den Genuss.

Weiteres im Internet unter

http://europa.eu.int/comm/food/fs/sc/scf/out104_en.pdf

www.bgvv.de/presse/2002/pr_02_16.htm

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