Welt : In deutschen Kellern

Warum die Regierung das Horten von Hartkeksen, H-Milch und und Baby-Salami empfiehlt

Dagmar Dehmer

Berlin - So viel Interesse hat das Verbraucherministerium nicht erwartet. Nachdem „Bild am Sonntag“ berichtet hatte, dass Bürger einen Lebensmittelvorrat für Notzeiten anlegen sollen, war das Internetportal www.ernaehrungsvorsorge.de am Sonntag stundenlang nicht mehr erreichbar. Offenbar haben sich viele den Aufruf zu Herzen genommen, der am 2. September, als das Verbraucherministerium erstmals über ihre Serviceseite informierte, ziemlich untergegangen war.

Ein Kasten Mineralwasser sollte im Katastrophenfall für eine Person und 14 Tage reichen. Auf der Internetseite wird empfohlen, einen Vorrat an Hartkeksen, Zwieback, H-Milch, Dosenbohnen und Baby-Salami anzulegen. Fischkonserven und Trockenpflaumen vervollständigen die Notration. Das sollte jeder zu Hause haben, falls ein Terrorangriff, eine Hochwasserkatastrophe oder ein Atomunfall Supermärkte tagelang unerreichbar machen sollte, heißt es dort. Eine Kontroverse darum hat es nach Auskunft des Sprechers des Verbraucherministeriums, Andreas Schulze, übrigens nicht gegeben. „Bild am Sonntag“ hatte berichtet, der Parlamentarische Staatssekretär Matthias Berninger sei auf Antrag der FDP in den Verbraucherausschuss zitiert worden. Schulze sagte dem Tagesspiegel: „Er geht da jedesmal hin.“ Im Übrigen habe die FDP lediglich informiert werden wollen. Kritik habe es keine gegeben.

Das Internetportal ist das Ergebnis einer Debatte des Bundesrats im November 2001. Unter dem Eindruck der Terroranschläge in den USA befanden die Bundesländer, dass die Bürger zu wenig Vorsorge treffen. Also wurde die „Zentralstelle für Agrardokumentation und Information“ beauftragt, alle sinnvollen Ratschläge für den Notfall zusammenzutragen und auf einem Internetportal zu präsentieren. Das hat drei Jahre gedauert.

Bayern war viel schneller. Schon im Februar 2003 gab Landwirtschaftsminister Josef Miller ein Faltblatt mit dem Titel „Vorsorgen für den Notfall“ heraus. „Auch bei uns können unerwartete Gefahren und Notsituationen eintreten“, schrieb Miller damals. Die Tipps unterscheiden sich nur unwesentlich von denen, die nun im Internet verfügbar sind. Allerdings hat Miller noch weiter denken lassen. Unter der Überschrift „Nicht vergessen!“ weist das Faltblatt auf die Gefahr von Vorratsschädlingen hin. Die Notration müsse regelmäßig kontrolliert, schlecht gewordene Lebensmittel müssten ersetzt werden. Außerdem weist Bayern seine Bürger auch noch auf so lebenswichtige Dinge wie Seife, Toilettenpapier, Kehrrichtsäcke und Rasierklingen hin. Es könne auch nicht falsch sein, einen Spirituskocher zur Hand zu haben, falls einmal länger der Strom ausfällt. Auch die Lagerung von Kerzen, Streichhölzern und ein Rundfunkgerät im Batteriebetrieb empfahl Miller seinen Mitbürgern.

Dabei scheinen die Bürger die Botschaft schon lange verstanden zu haben. In einem Fachaufsatz für die Schriftenreihe „Zivilschutzforschung“ hat ein Autorenteam festgestellt, dass 79,9 Prozent der Bürger Vorratshaltung prinzipiell für sinnvoll halten, 71,6 Prozent haben tatsächlich private Vorräte angelegt. Allerdings wusste ein Drittel der Befragten nicht zu sagen, warum sie das taten. Die anderen gaben an, sie wollten Vorräte im Haus haben (31,3 Prozent), nicht täglich einkaufen (15,7 Prozent) oder wohnten auf dem Land (13,4 Prozent). Auf die Frage, für welchen Katastrophenfall ein Lebensmittelvorrat sinnvoll sein könnte, gaben 15,7 Prozent eine Schneekatastrophe an, 12,7 Prozent halten den Vorrat bei einer Hochwasserkatastrophe für nützlich – allerdings darf er nicht im Keller lagern. Die Mehrheit aber (44 Prozent) konnte keinen Fall nennen, bei dem ein Lebensmittelvorrat helfen könnte.

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