Welt : In einer geheimen Forschungswerkstatt entwickelt

Rainer W. During

Was im Morgengrauen des 27. August 1939 fauchend vom Flugplatz Rostock-Marienehe abhob, warf alles, was man bisher von Flugzeugen wußte, über den Haufen. Dort, wo bei anderen Maschinen der Motor mit dem Propeller saß, klaffte ein Loch im Bug. Aus einer anderen Öffnung im Heck schoss ein heisser Abgasstrahl. Monatelang hatten sich die Arbeiter des Heinkel-Flugzeugwerkes über das pfeifende Geräusch aus einer hermetisch abgeriegelten Halle gewundert. Unter strengster Geheimhaltung war hier das erste Düsenflugzeug der Welt entstanden, mit dessen Jungfernflug vor 60 Jahren eine neue Ära begann.

Bereits 1935 hatte der junge Physiker Hans-Joachim Pabst von Ohain während seines Studiums in Göttingen damit begonnen, ein neuartiges Flugzeugtriebwerk ohne Propeller zu entwickeln. Für "Verfahren und Apparat zur Herstellung von Luftströmungen zum Antrieb von Flugzeugen" erhielt er das Patent. Doch ein mit Hilfe des Automechanikers Max Hahn gebautes Versuchsmodell ähnelte mehr einem futuristischen Flammenwerfer. Ohne industrielle Ressourcen kam man nicht weiter. Bei Ernst Heinkel fand das Duo offene Ohren. Der berühmte Flugzeugkonstrukteur erkannte die zukunftsweisende Bedeutung des Projektes und stellte die beiden Männer sofort ein. Ohne die Luftwaffe oder andere staatliche Stellen zu informieren, gründete er in seiner Fabrik in Rostock-Marienehe eine geheime Forschungswerkstatt. Hier entstand ein erster Testmotor, der im März 1937 seinen ersten Probelauf absolvierte.

Binnen zweier Jahre wurde daraus das erste einsatzfähige Düsentriebwerk der Welt mit der Bezeichnung He S 3 B entwickelt. Parallel dazu hatte Walter Günter ein Flugzeug mit modernster Aerodynamik entwickelt. Als er im September 1938 bei einem Autounfall starb, vollendeten sein Bruder Siegfried und Heinrich Helmbold - zwei weitere Heinkel-Konstrukteure - das Projekt.

Am 27. August 1939 war der große Tag gekommen. Rund sechs Minuten dauerte der Jungfernflug, bei dem bereits 600 km/h erreicht wurden. "Ich hatte in dieser Maschine sofort das Gefühl der völligen Sicherheit", erinnerte sich Warsitz später.

Ohne von den parallelen Entwicklungen zu wissen, hatten von Ohain und Heinkel die britische Konkurrenz um Längen geschlagen. Deren Gloster E24/39 ging erst 1941 in die Luft. Doch statt der erwarteten Begeisterung gab man sich im Reichsluftfahrtministerium eher verschnupft über die Eigenmächtigkeit des Konstrukteurs. Da wenige Tage später mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann, blieb die sensationelle Entwicklung aus Rostock zunächst weitgehend unbemerkt. Bei der Hochrüstung des Nazi-Regimes spielten die Jets zunächst keine Rolle. Obwohl auch Heinkel weitere Strahlprojekte entwickelte, wurde später die Me 262 des Konkurrenten Messerschmitt zum ersten einsatzfähigen Düsenjäger. Das erste Düsenflugzeug der Welt wurde bei Kriegsende in Marienehe zerstört. Nach 1945 begannen die Strahltriebwerke auch den zivilen Luftverkehr zu revolutionieren. Zehn Jahre nach der He 178 startete im Juli 1949 mit der britischen de Havilland Comet 1 das erste Düsenverkehrsflugzeug zum Jungfernflug. Drei Jahre später nahm die BOAC damit den ersten Jet-Liniendienst zwischen London und Johannesburg auf.

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