• In Frankreich verstehen Eltern ihre eigenen Kinder nicht mehr. Deshalb fordern sie ein klärendes Lexikon

Welt : In Frankreich verstehen Eltern ihre eigenen Kinder nicht mehr. Deshalb fordern sie ein klärendes Lexikon

Anette Jürgensmeier

Frankreichs Jugendliche haben sich eine eigene Welt geschaffen. Ihre Sprache ist voller erfundener Worte, sie leben in einer virtuellen Welt und markieren Hierarchien mit scheinbar undurchschaubaren Kleider-Codes: Abgrenzung vor Unbefugten wie Erwachsenen, Eltern und Lehrern. Und die verstehen schlicht gar nichts. Offen kommt kein Wort der Rebellion über die Lippen der zwölf- bis 20-Jährigen: Sie gehen nicht zu Demos, lieben ihre Eltern, zanken nicht mit den Geschwistern. Politik interessiert sie nicht, Schulbildung sehen sie als Chance. "Die Jugendlichen kritisieren die Gesellschaft. Aber sie wollen keine radikalen Veränderungen", schreibt "Le Monde". Die Welt der Jugendlichen war nach Einschätzung von Trendforschern noch nie so schwer zu entschlüsseln wie zu Beginn des neuen Jahrtausends. Viele Eltern wünschen sich ein Lexikon, das ihnen Benehmen, Sprache und Verhalten ihrer Sprösslinge erklärt. Denn anders als frühere Generationen interessieren sie sich zum großen Teil wirklich für das Leben der Kids. Der Büchermarkt des Landes wird überschwemmt mit psychologischen Anleitungen und Leitfäden für die Jugend. Doch wo es um die Feinheiten geht, müssen sie passen.

Beispielsweise bei der Sprache, wie etwa dem Jugend-Slang "Tchatch". Gymnasiasten haben ihren eigenen Code; Altersgenossen aus der Vorstadt haben dagegen eine ganz andere geheime Sprache entwickelt. Die Kunstworte und Verkürzungen sollen die geheime Welt der Jugendlichen auch geheim halten, urteilt "Lvnement du Jeudi". Früher träumten sie von freier Liebe, Revolte und sauberem Wasser. "Heute haben sie ein gutes Verhältnis zum Geld und definieren sich nicht mehr gegen die Gesellschaft, sie sind anderswo. Die sind dabei, ein neues Konsummodell zu entwickeln, visueller, technologischer, aus einer anderen Welt", meint das Blatt.

Dabei kaschieren sie nicht etwa einen Widerwillen gegen die Generation der Alten. Umfragen wie die der Gewerkschaft für Erziehung (FSU) bringen an den Tag, dass nichts den Jugendlichen wichtiger ist als ihre Familie. Obwohl oder gerade weil immer mehr Familien zerbrechen, steht die Bindung zu Eltern und Geschwistern bei allen Umfragen obenan. Auf Rang zwei der Dinge, die als sehr wichtig eingestuft werden, folgt Freundschaft - vor Arbeit und Liebe. Die Kirche steht abgeschlagen auf Rang zwölf noch hinter Schule und Studium. Sie leben schnell und nehmen die Neuerungen der Neuen Medien als ganz natürlich.

Doch trotz aller Gemeinsamkeiten scheint es, als lebten die Jugendlichen nicht auf einem gemeinsamen Planeten: Der soziale Schnitt geht mitten durch die Reihen der jungen Leute und trennt Jugendliche aus den Vorstädten strikt von der Welt der Kids in der besser gestellten Welt der Innenstädte.

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