Welt : In Misskredit

Nach den schweren Unruhen in Nigeria sind die Schönen der Welt auch in London nicht wirklich willkommen

Hendrik Bebber[London]

Nigeria ist nur noch ein böser Traum für die Schönheitsköniginnen der Miss-World-Wahl. Das heißt, einige träumten noch nicht mal schlecht. Für sie war Nigeria eine „tolle Zeit“. Und London als Austragungsort ist ja auch nicht ganz unproblematisch: Miss England Daniella Luan hatte zuerst gar keine warmen Sachen dabei. Dazu kommt, dass sie sich nun ein Zimmer mit der Miss USA teilen muss, und die führt sieben Koffer mit sich und nimmt alle Schränke in Beschlag.

„In London: Lächelnde Schönheitsköniginnen. In Nigeria: 200 Tote, 12 000 Obdachlose.“ Mit dieser Überschrift fasste der „Guardian“ die Situation von der Verlegung der Miss-World-Wahl aus Nigeria nach London zusammen. Die Show, die ursprünglich in Nigeria stattfinden sollte, wurde wegen schrecklicher Unruhen, die über 200 Menschen das Leben kosteten nach London verlegt. Die Veranstalterin lehnt jede Verantwortung ab: „Es wird eine wundervolle Show“, erklärte Julia Morley vor der Gala im „Alexandra Palast“. „Unser Gewissen ist rein“.

Doch nicht alle sehen der Veranstaltung am Samstag so freudig entgegen. „Diese Frauen tragen Badeanzüge von denen das Blut tropft“, kritisiert die feministische Autorin Muriel Gray den Auftrieb der 92 Schönheiten in London.

Morley macht „unverantwortlichen Journalismus“ dafür verantwortlich, dass „Miss World zum politischen Fußball wurde“. Sie kritisierte den Artikel, mit dem die nigerianische Journalistin Isioma Daniel den Protest islamischer Kleriker kommentierte, die sich dagegen wandten, dass diese unwürdige und unsittliche Zurschaustellung von Frauen in ihrem Land stattfinden soll. Daniel flappste darauf, dass der Prophet Mohammed wohl daran Gefallen gefunden hätte und sich sogar einige der Schönen zur Frau wählen würde, wenn er heute lebte.

Der Artikel heizte die schon lange bestehenden Rivalitäten zwischen christlichen und muslimischen Bevölkerungsgruppen in der nördlichen Stadt Kaduna an und führte zu blutigen Straßenschlachten.

Es war freilich nicht nur die auch im Westen oft kritisierte „Fleischbeschau“, die die nigerianischen Mullahs aufbrachte. Die Landessiegerinnen Dänemarks, Österreichs, der Schweiz, Frankreichs und Costa Ricas verzichteten auf den Weltwettbewerb in einem Land, in dessen nördlicher Provinz Frauen wegen „sittlicher Verfehlungen“ öffentlich ausgepeitscht und sogar zu Tode gesteinigt werden.

Dieses grauenvolle Urteil der Schariah-Richter schwebt über Amina Lawal, die das Kind eines Mannes gebar, der ihr versprochen hatte, sie zu heiraten und dann sein Versprechen brach. Sie soll gesteinigt werden, wenn ihr Baby nicht mehr gestillt werden muss. „Wenn eine Frau diesen grausamen Tod erwartet, gibt es wichtigere Dinge, als eine Schönheitskrone zu gewinnen,“ sagte Sylvie Teller, die als „Miss Frankreich“ auf die internationale Endausscheidung verzichtete.

Auch das Londoner Stadtoberhaupt war über die Verlegung nicht glücklich. Er beschuldigte die Veranstalter weitere „Tragik und Zwist“ nach Afrika gebracht zu haben. „Ich betrachte es als obszön, dass Miss World nun nach London kommt“, erklärte Ken Livingstone. Nach der Gewalt und dem schrecklichen Verlust von Menschenleben in Nigeria ist diese Veranstaltung in London nicht willkommen. „Doch solche Warnungen verhinderten nicht, dass die zehntausend Plätze im „Alexandra Palace“ restlos ausverkauft sind und die Veranstaltung von über 140 Fernsehsendern übertragen wird.

Freilich ist der Rummel, der bei einer „Miss World"-Wahl sonst herrscht, diesmal recht gedämpft. Die britischen Buchmacher nahmen nach der Katastrophe in Nigeria keine Wetten mehr an. Bis dahin galt mit 10:1 die „Miss Indien“ Shruti Sharma als Favoritin für den Titel. An zweiter Stelle steht „Miss England“ Daniella Luan. Die Bewerberinnen aus Deutschland, Russland, Venezuela, Norwegen, Barbados und Kolumbien rangieren auf dem dritten Platz. Die Gewinnerin erwartet ein Preisgeld von rund 160000 Euro und die Krone, die ihr von der bis dahin amtierenden „Miss World“, der Nigerianerin Agbani Darego, aufs Haupt gedrückt wird.

Für arme Länder eine echte Chance

Ihr Manager Guy Murra-Bruce verteidigte den Wettbewerb gegen die Kritiker mit der Begründung, dass solche Veranstaltungen gerade für Frauen in armen Ländern und ihre Familien eine große Chance bedeutet, ihre Lebensumstände zu verbessern und eine Ausbildung zu erlangen. Für Sijad Khan, dem Sprecher der britischen Muslime, ist „Miss World“ jedoch das „Relikt eines dunklen Zeitalters. Ganz gleich, welcher Religion man angehört, so ist die Idee eines Schönheitswettbewerbes für jeden modern denkenden Menschen einfach absurd.“

Während die Schönheitsköniginnen über den Laufsteg stolzieren, muss eine andere Frau um ihr Leben bangen. Die Journalistin Isioma Daniel floh vor der über sie verhängten „Fatwa“ in die USA. Ann Cooper, die Direktorin der in New York ansässigen Organisation für den Schutz von Journalisten ist „tief besorgt über Isioma Daniels Sicherheit. Ich glaube in der ganzen Kontroverse ging eines unter: Das universale Recht der Meinungsfreiheit.“

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